Meerjungfrautränen auf den Malediven

Die Meeresbiologin bei den IUCN Maldives Marine Projects über Plastikpellets in der Südsee

BARBARA GRATZER | aus HEUREKA 3/14 vom 25.06.2014

Die Träne einer Meerjungfrau treibt an mir vorbei, als ich gerade am Riff tauche. Beinahe weine ich mit. Wenn man auf der Insel, auf der ich wohne, einen Strandspaziergang macht und die Sandkörner zwischen den Fingern zerreibt, findet man auch dort Meerjungfrautränen. Es gibt keine Küste, keinen Sandstrand, keine auch noch so entlegene Insel oder Tiefsee, die noch nicht davon in Besitz genommen wurde. Zu Millionen schwärmen Meerjungfrautränen in den Ozeanen unserer Erde.

Die Rede ist von Plastikpellets, kleinen Knöpfchen von der Größe zweier Stecknadelköpfe. Ihr Material wird aus raffiniertem Petroleum gewonnen, das über Zwischenformen zu einer Mehrfachkette aus Ethylen und Propylen verklebt wird. Nach der Formung zu langen, hauchdünnen Schläuchen schneidet ein Messer das Plastik zu Pellets. Man transportiert sie zu Fabriken überall auf der Welt mit dem Ziel, etwas Größeres aus ihnen zu bauen: Plastikflaschen und Schraubverschlüsse, Kühlschränke, Stereoanlagen oder Computer. Plastik ist ein fester Bestandteil unseres Alltags.

Aufgrund ihrer Winzigkeit schaffen es jedoch viele Pellets kaum aus ihrer Produktionshalle. Menschen verlieren sie immerzu: beim Schaufeln, beim Fahren und beim Beladen eines Schiffs. Der nächste Regen wäscht sie in die Flüsse, von denen sie bis ins Meer getragen werden. Manchmal gehen die Pellets gleich direkt im Meer verloren. Vor zwei Jahren traf das Transportschiff Yong Xin Jie, unterwegs von Guangzhou nach Shantou bei Hongkong, auf den Typhon Vicente. Es war mit einhundertfünfzig Tonnen Plastikpellets des Ölgiganten Sinopec beladen. Sieben Container mit über sechs Millionen Pellets gingen über Bord, sechs davon konnten nicht geborgen werden. Die Pellets verseuchten Strände und Wasser des Südchinesischen Meeres. Hunderte Freiwillige waren wochenlang damit beschäftigt, die winzigen Pellets an den Stränden einzusammeln.

Im Meer treiben sie lange Zeit an der Oberfläche und ziehen dabei Chemikalien an, insbesondere solche langlebiger organischer Schadstoffe. Treibend sehen sie Fischeiern zum Verwechseln ähnlich und werden von Fischen und anderen Meereslebewesen gefressen. Auf diesem Weg gelangen Plastik und Chemikalien in die Fischmägen. Das Kunststoffmaterial verleiht den Tieren ein fiktives Sättigungsgefühl. Der Körper wird durch das Plastik daran gehindert, Nährstoffe aus natürlicher Nahrung aufzunehmen. Dies kann bis zum Hungertod der Tiere führen. Außerdem führen die aufgenommenen Chemikalien zu Unfruchtbarkeit und Krankheiten. Schwangeren Frauen würde ich deshalb vom Verzehr von Meeresfischen unbedingt abraten.

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