Brief aus Brüssel

EMILY WALTON | aus HEUREKA 3/14 vom 25.06.2014

Müll ist eine sehr persönliche Angelegenheit: Man will nicht, dass andere Menschen durchwühlen, was man selbst weggeworfen hat; und man will sich möglichst auch nicht von anderen vorschreiben lassen, was man wie entsorgen darf.

Kein Wunder also, dass das geplante Plastiksackerlverbot der Europäischen Kommission keine Jubelstürme, sondern die üblichen "Jetzt regulieren die Brüsseler Bürokraten also auch schon das wieder"-Reaktionen ausgelöst hat. Soll man zum Zweck einer Verringerung des Plastikmülls jetzt wirklich auch gesetzlich regeln, ob es kostenlose Einwegsackerln geben darf oder nicht? Und dies dann gleich europaweit?

Ja, natürlich!

Glauben Sie nicht? Dann sollten Sie einmal in einen der Supermärkte in Brüssel gehen. Hier sind oft Sachen, die man sucht, schon ausverkauft -nur eines ganz bestimmt nicht: dünne, kostenlose Obst-und Gemüsesackerln.

Oder, noch besser: Sie besuchen einen der unzähligen Märkte. Die wären nämlich treffender als Sackerlausgabestellen benannt -Gegenwehr gegen die verpackungstechnische Zwangsbeglückung ist völlig zwecklos:

Eine Gurke, Monsieur? Ab ins Sackerl! Zwei Melanzani, Madame? Noch ein Sackerl! Die Erdbeeren sind schon in einem Plastikbehälter? Macht nix, da geht sicher noch ein Sackerl drüber!

Stichprobenzählung nach meinem letzten sonntäglichen Obst-und Gemüseeinkauf: 14 (in Worten: vierzehn!) Plastiksackerl, die, kaum zu Hause angekommen, gleich wieder entsorgt werden. Was sonst damit anstellen?

Ohne jetzt im Müll der Nachbarn zu kramen, würde ich schätzen, dass hier jeder in Belgien sein Dutzend Wegwerfplastiksackerl im Küchenmüll hat.

Apropos Mist der Nachbarn: Dem begegnet man hier in Belgien öfter, als es einem lieb sein kann.

Das Konzept der Mülltonnen für Haushalte bzw. Sammeltonnen in Mehrparteienhäusern hat sich nicht durchgesetzt. Stattdessen stellt man seine vollen Säcke (je nach Rücksicht bzw. Schamgrenze) auf den Balkon - oder gleich auf die Straße. Dort sollten die Säcke theoretisch zwar nur am Abend vor der Abholung stehen, doch daran hält sich kaum jemand.

Wie das aussieht, wenn die Müllabfuhr streikt oder nicht kommt, erwähnen wir an dieser Stelle lieber nicht. Und wenn die Müllsäcke auch noch vom für Brüssel typischen Dauerregen erfasst werden, nützt einem das beste Plastikmistsackerl nichts.

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