Was am Ende bleibt

Quatschköpfe im Fernsehen

ERICH KLEIN | aus HEUREKA 3/14 vom 25.06.2014

Ein Historiker, akademisch hoch dekoriert, seine Bücher prämiert und gut im Verkauf, empört sich. Die Häme über die Unmenge an TV-Dokus über Hitlers Hunde und Stalin jetzt endlich auch in Farbe, selbstredend mit abenteuerlichen Fehlern im Detail gespickt, ist berechtigt. Er ist Spezialist auf diesem Gebiet und geifert: "Stümperhafte Desinformation!" Aus Stalins Sekretär Poskrjobyschew wurde Poskrebischew! Des Spezialisten Einschätzung aktueller politischer Verhältnisse ex cathedra fällt nicht weniger pompös aus, überdies ist sie mehr als zweifelhaft, aber sie geht im Geplapper der Fernsehdiskussion ohnedies unter. Wurmt Demokratie jemanden?

Die Zeiten, als Expertenmeinung zählte, sind in der Ära der Talkshows vorbei. Es gilt der slicke Experte ohne Komplex und Komplexität, der, egal ob wortkarg oder als Wasserfall, einund dieselbe Botschaft von Sendung zu Sendung wiederholt. Man weiß, wen man wieder einladen wird. Ein Wirtschaftsfachmann darf nicht fehlen; Hauptsache, es besteht der Verdacht, er befinde sich auf jemandes Payroll; das macht die Sache prickelnd und verleiht den Argumenten materielle Schubkraft. Außen vor bleibt nur der Politiker, es sei denn in Direktschaltung aus Brüssel und leicht abgekämpft. Am wichtigsten aber ist der Hysteriker der historischen Anspielung -seiner Geste der Entrüstung muss die Drastik seiner Metaphernwahl zumindest entsprechen.

Dass das Ganze nicht harmlos ist, bewies die gemeinsame Kranzniederlegung von Ronald Reagan und Helmut Kohl am Soldatenfriedhof Bitburg im Mai 1985. Eigentlich ein geschmackloses Apercu im Vergleich zu den Vorgängen, auf die sich die Geste damals bezog (Gedenken an die gefallenen US-und deutschen SS-Soldaten). Dennoch entzündete sich daran der deutsche Historikerstreit unter Beteiligung von allem, was bundesrepublikanisch Rang und Namen hatte, von Jürgen Habermas abwärts.

Dreißig Jahre später wird die geschichtspolitische Geisterbahnfahrt noch einmal unternommen. Der französische Präsident Holland lädt zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie. Die Frage, ob Deutschland daran teilnehmen darf, stellt sich in einem vereinigten Europa nicht mehr. Aber Putin und der ukrainische Präsident? Wer sitzt neben wem? Was sagen die Historiker dazu? Und Günther Grass, der damals sagte: "Alle wussten, konnten wissen, hätten wissen müssen." Die nächste Talkshow kommt bestimmt.

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