Sodom und Gomorrah

Europäischer Elektroschrott wird als Second-Hand-Ware nach Afrika gebracht und gefährdet dort das Leben von Kindern

DIETER HÖNIG | aus HEUREKA 3/14 vom 25.06.2014

Der 12-jährige Faruk klagt über ständiges Kopfweh, brennende Augen, Husten und Brennen in den Atemwegen. Wenn er es nicht mehr aushält, kauft er sich von seiner kärglichen Job-Ausbeute Schmerztabletten. Diese werden hier auf der Deponie gehandelt.

Mittlerweile sind es an die 7000 Kinder und Jugendliche, die wie Faruk tagtäglich auf die Elektromüllhalde in Ghanas Hauptstadt Accra pilgern und Altgeräte verbrennen, um an die begehrten Kupferkabel zu kommen.

Für eine Tagesausbeute von einem halben Kilogramm Kabel bekommen sie einen Euro. "Die Luft ist verpestet und macht das Atmen schwer, der Boden ist voller scharfer Splitter und Gift - es ist nach wie vor apokalyptisch", zeigt sich Christina Schröder, Mitarbeiterin der entwicklungspolitischen Organisation Südwind, schockiert.

Leben auf der Müllkippe

Jeden Tag kommen mehr und mehr Kühlschränke, Fernseher und Computer auf die Deponie. Zum Teil tragen sie noch die Inventarschilder, die ihre Herkunft aus Europa belegen.

Dieser europäische Elektroschrott gefährdet die Gesundheit von ghanaischen Kindern und Jugendlichen. Die Haut-oder Lungenkrankheiten, an denen die meisten früher oder später erkranken, bleiben unbehandelt, weil die Kinder und Jugendlichen nicht versichert sind und oft auch ohne Eltern leben, zumeist gleich neben der Müllhalde in einem Slum namens "Sodom and Gomorrah".

Mitarbeiter des Südwind-Instituts für Ökonomie und Ökumene waren bereits zum dritten Mal vor Ort und bestätigen den Verdacht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO: Ein Großteil der in Industrieländern zum Recycling anfallenden Elektroaltgeräte wird fälschlich als funktionierende "Second-Hand"-Ware deklariert, in Entwicklungsländer verschifft und richtet dort verheerende Schäden an.

Laut einer aktuellen Studie der ILO besteht der weltweit am schnellsten wachsende Müllberg aus Elektroartikeln. Er vergrößert sich jährlich um vier Prozent. Schätzungen zufolge sind es über 41 Millionen Tonnen, die pro Jahr anfallen. "Es ist skandalös, was unser Wohlstandsmüll in Afrika anrichtet, moralisch verwerflich und auch kriminell", empört sich Ines Zanella, Mitarbeiterin bei Südwind.

Händler deklarieren Müll falsch

Auf internationaler Ebene kontrolliert zwar das sogenannte Basler Übereinkommen grenzüberschreitende Transporte von Elektromüll. In Europa ist zudem seit 2006 die WEEE-Richtlinie in Kraft, die den Export von Elektromüll in Länder außerhalb der OECD verbietet und Sammel-und Verwertungssysteme für Recycling vorschreibt.

Finanziert werden sollen diese von den Herstellern der Geräte. Nur funktionierende Altgeräte dürften als Second-Hand- Ware weitergegeben und aus Europa ausgeführt werden.

Tatsächlich wird aber immer wieder Müll als funktionierende Gebrauchtware deklariert und illegal ausgeführt. Das bestätigen auch Nachfragen bei österreichischen Elektrohändlern: Nur ein Unternehmen arbeitet mit einem zertifizierten Recyclingunternehmen zusammen. Kleinere Firmen organisieren die Entsorgung selbst.

Ein Computerhändler gab etwa an, die Entsorgung der Altware durch ein weltweit agierendes Speditionsunternehmen abwickeln zu lassen. Andere Händler reagierten gar nicht auf Nachfragen -ebenso wie Onlinekäufer von Elektrogeräten.

Elektroschrott zu Sammelstellen

Die Wege des Elektromülls nach Afrika sind vollkommen intransparent und werden aus leicht durchschaubaren Gründen verborgen gehalten. Zu sehen sind allerdings Berge an Elektromüll, die sich in Afrika anhäufen. "Deshalb müssen Regierungen, Hersteller und Handel endlich zusammenarbeiten, um diese illegalen Exporte zu stoppen", fordert Ines Zanella.

An all jene, die zu einer Besserung der Missstände beitragen wollen, appelliert sie eindringlich, alte Elektrogeräte zu entsprechenden Sammelstellen der Gemeinden oder einem ReUse-Zentrum zu bringen, das für Reparatur und Wiederverwendung in Österreich sorgt.

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