Brief aus Brüssel

Emily Walton | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Im Brüsseler EU-Viertel, wo es nur so wuselt vor lauter Sprachen, Nationalitäten, Identitäten, ist es oft leicht zu vergessen und manchmal schwer zu glauben, wie geteilt dieses Europa vor gerade einmal 25 Jahren noch war.

Man sieht, wie hier tagtäglich an der gemeinsamen Zukunft gearbeitet wird, hört, dass auch im letzten Jahr wieder eine Rekordzahl an Austauschstudierenden beim Erasmus-Programm erreicht wurde.

Und hält immer wieder kurz inne, wenn Politiker wie Valdis Dombrovskis darüber sprechen, was Europa für sie bedeutet: "Ich wurde hinter dem Eisernen Vorhang geboren und bin dahinter aufgewachsen", sagte er kürzlich im EU-Parlament, per Zufall wenige Tage nach dem Tag der Deutschen Einheit. "Fünfzig Jahre lang war es meinem Land verboten, Teil von Europa zu sein, fünfzig Jahre lang wurden uns demokratische Grundrechte und Freiheiten verboten."

2014 feiert Lettland zehn Jahre EU-Mitgliedschaft. Seit einem Jahr ist das Land auch in der Eurozone, die nun Ex-Premier Dombrovskis als Kommissar in der neuen EU-Kommission überwachen soll.

Es tut ab und zu ganz gut, solche Sätze zu hören, sich solche Entwicklungen zu vergegenwärtigen, um die viel gescholtene, oft mühsam komplizierte und schwerfällige EU wieder als das Friedensprojekt zu schätzen, das sie im Kern ist.

Und wenn man dann schon über Mauern nachdenkt, ist es von den gefallenen nicht allzu weit zu jenen, die noch stehen und die neu aufgebaut werden sollen:

Seltsam der Gedanke, die Briten könnten sich tatsächlich in ein paar Jahren für einen EU-Austritt entscheiden; gewöhnungsbedürftig die Vorstellung, Katalanen, Flamen, Basken oder Südtiroler könnten mit eigenem Staat auf einmal wieder um den EU-Beitritt ansuchen (müssen); beschämend die Erkenntnis, dass sich die EU-Mitglieder kaum einmal so einig sind wie in ihrem Bestreben, die Mauern nach außen noch höher, noch solider, noch unüberwindlicher zu errichten.

Denn eine Verstärkung der EU- Außengrenzen ist seit Jahren die Standardantwort auf Migrationsfragen. Mögen auch noch so viele Boote mit noch so vielen Flüchtlingen an Bord auf dem Weg ins "gelobte Land" im Mittelmeer kentern. Um sie zurückzuhalten, stehen Zäune in den europäischen Enklaven Nordafrikas. Stacheldraht und Grenzschutz als Lösungsansätze - man müsste meinen, in den 25 Jahren seit dem Mauerfall sollte man im geeinten Europa auf bessere Ideen kommen.

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