Vom Grenzsee zum Surfparadies

Ungarische und österreichische Wissenschafter an einer ehemaligen Grenze: dem Neusiedler See. Gemeinsam erforschen sie seine Entwicklung

Sonja Burger | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

85.000 Besucher zogen heuer im Frühling nach Podersdorf am See. Hier wollten sie die weltbesten Windund Kitesurfer beim Surf Worldcup bestaunen. Seit 1998 zählt dieses Event zu den Saison-Highlights und ist eine der vielen Facetten der UNESCO-Welterbe-Kulturlandschaft Fertő/Neusiedler See. Touristisch, ökologisch und politisch blickt man hier auf eine wechselhafte Geschichte zurück.

Ein Passierschein für den Neusiedler See

Heute kaum vorstellbar, dass es Zeiten gab, als Bewohner des damaligen Ödenburg ( Sopron) einen Passierschein benötigten, um sich beim See aufhalten zu dürfen. Bis vor 25 Jahren trennte der "Eiserne Vorhang" West- und Osteuropa: Ein Teil der Grenze verlief durch den Neusiedler See.

Die Ungarische Volksarmee kontrollierte zwischen 1948 und 1989 ein "kombiniertes Landes- und Seegrenzgebiet". In den Jahrzehnten davor stand es um die Zukunft des Neusiedler Sees aus anderen Gründen nicht gerade rosig. Ein Experte auf diesem Gebiet ist der in Budapest geborene Historiker Sándor Békési, Kurator am Department Stadtentwicklung und Topografie des Wien Museums: "Erst nach 1945 setzte sich der Erhaltungsgedanke langsam durch. Ein naturnaher See statt Ackerflächen und Fischteiche, so wurde dessen Zukunft letztlich skizziert."

Die Bewertung des Steppensees mit seiner geringen Tiefe, dem trüben Wasser und dem Salzgehalt wandelte sich im Lauf der letzten 200 Jahre und war lange ambivalent. Der Gegensatz zwischen dem "touristischästhetischen Diskurs und der utilitaristischtechnischen Landschaftskonzeption" wird für den Historiker Békési dadurch deutlich, dass es fast gleichzeitig mit der touristischen Entdeckung der Landschaft auch Bestrebungen gab, sie radikal zu verändern, etwa durch Trockenlegung des Sees.

Als der See einmal ganz trocken war

Zu Ungarn gehören rund ein Viertel der Seefläche oder 75 Quadratkilometer sowie das einzige Ableitungssystem im Südosten des Sees, der Einser-Kanal (Hanságifőcsatorna). Noch bis zum Ersten Weltkrieg war der Hanság ein riesiges Überschwemmungsgebiet. Der Wasserstand des Neusiedler Sees hängt zu 80 Prozent vom Niederschlag ab. So wechselten sich Hochwasserphasen mit Zeiten ab, in denen der See fast völlig austrocknete, etwa zwischen den Jahren 1864 und 1870.

1895 begann der Bau des Einser-Kanals. 1910 war der 35 Kilometer lange Kanal fertig. Er verringerte den Wasserstand zwar erheblich, trug jedoch stark zur Verschilfung bei. Seit 1956 gilt zwischen Österreich und Ungarn eine zwischenstaatliche Schleusenregelung. Extreme Wasserschwankungen gehören seither der Vergangenheit an, und der Wasserpegel wurde wieder angehoben: Beides Voraussetzungen für die heutige Popularität und touristische Nutzung des Neusiedler Sees.

Das Wissen über das Schlammvolumen

"Der Neusiedler See hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten völlig unterschiedlich entwickelt", sagt Géza Király, Forstingenieur mit Spezialisierung auf Fernerkundung am Department of Surveying and Remote Sensing der University of West Hungary. Die Universität ist wissenschaftlicher Projektpartner der BOKU Wien im Rahmen des Forschungsprojekts "GeNe-See - Geodätische Neuerfassung des Systems Neusiedler See -Hanságkanal". Es wird zu 85 Prozent durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert. Mit Ende des Jahres soll das mehrjährige Projekt abgeschlossen sein.

Bereits zum zweiten Mal - beim ersten Mal im Jahr 1997 wurde mit der TU Wien kooperiert -führen Forscher der University of West Hungary mit heimischen Forschern Seevermessungen durch. Wesentlicher Unterschied: der höhere Detaillierungsgrad. Dadurch wollen die Forscher eine fundierte Datengrundlage, etwa zur Klärung der Verschlammung.

"Das Wissen über das heutige Schlammvolumen ist für die Wasserbilanz-Überprüfung extrem wichtig. Jedem Seepegel ist ein bestimmtes Wasservolumen zugeordnet, das sich dadurch genauer bestimmen lässt", erklärt Gerhard Kubu, Kulturtechniker und Hydrologe am Institut für Meteorologie der BOKU Wien.

Die Verschlammung ist für beide Seiten ein drängendes Problem. So habe sich laut Kubu etwa gezeigt, dass sich "das Schlammvolumen zwischen den letzten beiden Seevermessungen von 1963 und 1985 bis 1988 im österreichischen Teil des Sees auf 150,17 Millionen Kubikmeter nahezu verdoppelt hat".

Für Király ist die Erhebung der aktuellen Schlammablagerungen und der Vergleich mit früheren Seevermessungen, die in Ungarn 1967 beziehungsweise zwischen 1991 und 1994 stattfanden, wichtig, um den Ablagerungsprozess im Zeitverlauf im stark betroffenen Hanság abschätzen zu können und Lösungen zu finden, speziell für die Hochwasserkontrolle.

Aus der Luft den See vermessen

Die jahrzehntelange Trennung von Ost und West hatte jedoch Spuren hinterlassen. Die Unterschiede, etwa die Detailliertheit oder Vergleichbarkeit der Daten betreffend, stellte die Forscher vor Herausforderungen. Neu war unter anderem, dass erstmals der Hanság-Kanal berücksichtigt wurde: Etwa bei der Erstellung eines hochgenauen Geländemodells vom Seeboden auf ungarischer Seite und dem Hanság-Kanal mittels Airborne Laserscanning, das für den österreichischen Teil des Sees bereits existiert. Bei der Erfassung des Schlammvolumens betraten die Forscher Neuland. Viel Einfallsreichtum war nötig, um hydroakustische Messungen mit verschiedenen Frequenzen überhaupt durchführen zu können, denn bei einer Wassertiefe von rund 1,6 Metern sind gängige Echolot-Messungen der freien Wasserfläche nicht möglich.

"Wir nutzten die Erfahrungen von Hydrologen der Hafencity Universität Hamburg. Dort hatte man eine Methode entwickelt, mit der man in flachem Gewässer hydroakustische Messungen realisieren kann", berichtet Kubu.

Fehlte nur noch das passende Boot: Hier gab es Unterstützung seitens der Biologischen Station Neusiedler See, die eines ihrer Boote umbaute. Um die Verschlammung im Schilfgürtel zu messen, waren laut Kubu allein im österreichischen Teil an rund 3.000 Stellen Messungen notwendig. Dafür befuhren die Forscher den See mittels Zille.

Wo Reste des Eisernen Vorhangs liegen

Heute, 25 Jahre nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs", können die Forscher zu beiden Seiten des Neusiedler Sees am gleichen Strang ziehen. Ein besonders schwieriges Erbe sind die verschiedenen geodätischen Systeme: In Österreich wird Meter über Adria verwendet, während in Ungarn das baltische Höhensystem (Kronstädter Pegel) gilt.

Für den Ungarn Géza Király sticht die langjährige Zusammenarbeit in punkto Wassermanagement positiv hervor. Dennoch gebe es seiner Ansicht nach noch immer Bereiche, "in denen die Reste des Eisernen Vorhangs noch zerstört werden sollten". Apropos Überbleibsel: Was blieb von jener Zeit, die für Békési das ungarische Seeufer zum "toten Winkel" machte?

An die Grenze, die in den Fünfzigerjahren vermint und später unter anderem durch ein elektrisches Signalsystem kontrolliert wurde, erinnert neben vereinzelten Wachtürmen, die heute als Aussichtstürme genützt werden, nur mehr wenig: Wie der Nachbau der "Brücke von Andau" über den Einser-Kanal, wo im Zuge des Ungarn-Aufstands 1956 rund 200.000 Flüchtlinge nach Österreich kamen, oder ein Platz in Kroisbach (Fertőrákos) an das Paneuropäische Picknick vom August 1989. Viele Relikte wanderten in Museen und Privatsammlungen. Heute ist der Neusiedler See ein von Menschen überformter Steppensee - Naturraum und Kulturdenkmal. Und nicht zuletzt eine Verbindung zwischen Nachbarn, die sich die Verantwortung für seinen Erhalt und seine Zukunft nun auch auf wissenschaftlicher Ebene teilen.

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