Grüne Lebenslinie am ehemaligen Todesstreifen

Die Natur lebt auf - am Grenzstreifen um die "Todeszone", die in Zeiten des Kalten Krieges Ost- und Westeuropa trennte

Jochen Stadler | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Von der Barentssee im Norden bis zum Mittelmeer im Süden entwickelte sich quer durch Europa eine 12.500 Kilometer lange Lebenslinie mit hoher Artenvielfalt und einzigartigen Ökosystemen.

Die Lebensräume an diesem "Grünen Band" sind sehr unterschiedlich, wie etwa die Küstengebiete an der Ostsee und Gebirgsregionen an der Grenze zwischen Österreich und dem ehemaligen Jugoslawien, so Franz Grossauer vom Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung der Universität für Bodenkultur Wien.

Doch dieses "Grüne Band" ist durch intensive Landwirtschaft, Verkehr, Tourismus und andere Widrigkeiten bedroht, erklärte er. Gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 habe man an manchen Stellen etwa mit neuen Grenzübergängen und durch intensive Landwirtschaft in diesen Naturraum eingegriffen.

Derzeit ist etwa die Hälfte des Grünen Bandes als Nationalpark oder als Natura-2000-Gebiet geschützt. "Wir beschäftigen uns jetzt mit den verbleibenden 50 Prozent, die nicht unter Schutz stehen, und wo man das auch in Zukunft nicht erwarten kann", erklärt er.

Weil es wenig bis gar nicht realistisch sei, dass auch dort Schutzgebiete entstehen, versuche man den Naturraum mit anderen Mitteln zu sichern. Dazu wolle man von der lokalen Bevölkerung bis hin zu den EU-Gremien Bewusstsein schaffen und allen klar machen, was dieses Grüne Band für die ökologische Vielfalt und die Menschen bedeute.

Auf der praktischen Seite hat Grossauer mit Kollegen in einem EU-Projekt "eine Art Werkzeugkiste" mit verschiedenen Instrumentarien erarbeitet, mit denen "die immer wieder auftretenden Konflikte" gelöst werden können. Diese entstünden etwa durch Straßenbau, Bahnlinien, Stromleitungen, intensive Landwirtschaft und Tourismusprojekte. "Es ist wichtig, dass es Möglichkeiten gibt, schneller und flexibler zu reagieren als mit Unterschutzstellungsmaßnahmen, die natürlich für Einzelbereiche nach wie vor verfolgt werden und hoffentlich da oder dort greifen werden", erklärt er. Grossauer kritisiert Subventionen, die eine intensivere Landwirtschaft fördern, wodurch etwa Feuchtgebiete durch Drainagen oder Aufschüttungen verlorengingen und Wiesen zu Ackerland umgebrochen werden. "Wir versuchen deshalb bis auf die Ebene der EU zu wirken und zu informieren, dass es wichtige Bereiche gibt, die individueller und angepasster bearbeitet werden müssen und man nicht mit der Gießkanne Fördermittel ausschütten sollte."

Vor Kurzem wurde ein Memorandum erstellt, in dem sich die Anrainerstaaten "bis auf wenige" dazu verpflichteten, tatsächlich Maßnahmen zum Schutz des Grünen Bandes umzusetzen und Bewusstsein für diese einzigartigen Lebensräume zu schaffen. Wer hätte gedacht, dass man den ehemaligen Todesstreifen schützen muss?

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