Gastkommentar

Osteuropaforschung - 25 Jahre danach

Oliver Schmitt | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Die Öffnung Österreichs nach Osten wird vor allem von Eliten getragen und wahrgenommen. Der Prozess war von starken Schwankungen geprägt, wie die gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten vieler österreichischer Unternehmen in Ost-und Südosteuropa zeigen.

Anders das Feld der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung: In den letzten 25 Jahren hat die Uni Wien ihre Forschung ständig ausgebaut und gezielt internationalisiert. Gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts heftete sie sich die Beschäftigung mit diesem Raum auf die Fahnen. Gebündelt werden Forschung und Lehre derzeit in einer eigenen Forschungsplattform "Wiener Osteuropaforum", die besonders den wissenschaftlichen Nachwuchs fördert.

Die wohl tiefgreifendste Erneuerung der Wiener Osteuropaforschung ist wahrscheinlich diese Öffnung im Nachwuchsbereich: Doktoranden und Habilitanden aus Ost-, West- und Südeuropa arbeiten heute an der Uni Wien und in Forschungsprojekten. Es gibt kaum eine Universität im östlichen Europa, mit der Wiener Forscher keine Beziehungen unterhalten.

Angesichts der Breite der Wiener Forschung von der Slawistik bis zu Recht, von der Geschichte bis zur Theologie, von der Archäologie bis zur Sozialanthropologie ist es nicht möglich, die Osteuropaforschung auf einen einfachen Nenner zu bringen.

Die positive Entwicklung an der Uni Wien hat auch eine Kehrseite: 2006 wurde das einzige außeruniversitäre Forschungsinstitut zu Osteuropa geschlossen und bis heute nicht adäquat ersetzt. Die wichtigste strukturelle Herausforderung ist es, den bestqualifizierten Nachwuchskräften eine Perspektive in Wien zu bieten.

Noch schwieriger aber ist es, die Bedeutung der Forschung zu Ostund Südosteuropa weiteren Kreisen in Österreich zu vermitteln und immer noch bestehende Barrieren in den Köpfen gegenüber einem "Osten" abzubauen, der vor hundert Jahren zu guten Teilen noch Inland war. Derzeit verändert sich die politische Landschaft Osteuropas dramatisch: Vom Balkan bis nach Russland verstärken sich autoritäre Tendenzen.

1989 glaubte man an das Ende der Geschichte, an das Ende Osteuropas. Er würde sich an den "Westen" angleichen und in einem vereinigten Europa aufgehen. Die Osteuropaforschung galt als obsolet. Heute ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Raum unter traurigen Umständen wieder elementarer Bestandteil der europäischen Einigung und der europäischen Außenpolitik.

Oliver Schmitt ist Leiter des Instituts für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien

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