Haidingers Hort der Wissenschaft

Das eiserne Tor

Martin Haidinger | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Wien - Schwarzes Meer. Diese Route ist der Autor dieser Zeilen vor ein paar Wochen am Schiff gefahren. Lückenlos. Auf dem Wasser. Unspektakulär?

Aber hallo, bis vor schwachen zwanzig Jahren wäre das eine unmögliche Passage gewesen! Seit der Antike wären ihr zweieinhalb Völkerwanderungen, geschätzte neunzig Waffengänge (von der Pfeil-und-Bogen-Ära bis ins Atomzeitalter), mehrere heiße und ein Kalter Krieg entgegengestanden - sowie ein Eiserner Vorhang!

Im Oktober 2014 konnten wir ohne geringste Behinderung die Donau-Anrainerstaaten Slowakei, Ungarn, Serbien, Bulgarien und Rumänien durchfahren - darunter sogar einer, der seinen Pass vergessen hatte und die Reise problemlos mit einem simplen Personalausweis überstand! Wer hätte das 1989 geglaubt?

Was der Eiserne Vorhang politisch war, ist bis zu seiner Entschärfung durch Staudämme das "Eiserne Tor", der vormals gefährlichste Durchbruch der Donau zwischen Serbien und Rumänien gewesen. Wo Generationen von Seeleuten einst gekentert und ertrunken waren, standen wir am Sonnendeck und fotografierten die "Tabula Traiana". Diese hatte Kaiser Traian anno 100 n. Chr. zum Ruhm der römischen Donausüdstraße vom Badischen Hüfingen bis nach Konstantinopel in den Fels meißeln lassen.

Wer vor 1989 die Grenzformalitäten des Realsozialismus vom vergleichsweise harmlosen "Adatlap"(sapienti sat ) zur Einreise nach Ungarn über die steinernen Mienen tschechischen Personals bis zu den skandalösen Schikanen der DDR-Büttel erlebt hat, kann ermessen, was es bedeutet, so reisen zu können: Befreit von totalitären kommunistischen Regimes, deren Ideologie die Menschen versklavt und - aber Moment einmal, schön langsam

Am sechsten Tag erreichten wir nach der Ausschiffung mit Bussen Bukarest und näherten uns dem "Parlamentspalast", vormals "Haus des Volkes". Der Kommunistendiktator Nicolae Ceausescu hatte ihn in den Achtzigern als zweitgrößtes Gebäude der Welt nach dem Abriss von 40.000 Wohnungen errichten lassen. Seine "demokratischen" Nachfolger bauten den frivolen Mist zum Parlamentsgebäude aus! Ehe wir den grauenhaften Bau, dessen Architektur an einen größenwahnsinnigen Eissalon erinnert, besichtigen durften, wurden wir von securitösen Uniformträgern aufgehalten, schikaniert und krötenlangsam kontrolliert. Ein Tourist wurde beinahe verhaftet, weil er den Souvenir-Shop in der Eingangshalle fotografiert hatte.

So sieht auch die Politik in Ländern aus, in denen wir viele für Kommunistenvisagen gehalten hatten, die aber zur universellen Niedertracht jenseits der Ideologie gehören. Die Eisernen Tore sind noch da - und bisweilen schließen sie sich auch.

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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