Osteuropa und die Roma

Romadecade.org, ein Zusammenschluss von Organisationen und Regierungen, strebt die Inklusion europäischer Roma an. 2015 geht die erste "Roma-Dekade" zu Ende

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Stellen Sie sich die EU 2014 vor", sagt Michal Růžička. "Menschen leben in rassisch getrennten Bereichen in illegalen Holzbaracken, ohne Zugang zu Strom, Gas oder Fließwasser."

Der Soziologe Růžička hat zwölf Jahre lang das Leben von Romafamilien in tschechischen Städten und ländlichen Gegenden der Ostslowakei erforscht, etwa auch in einer Zigeunersiedlung in der Zips-Region.

Die Roma in der Slowakei

In der Slowakei wurden die Roma 1958 zu gleichberechtigten sozialistischen Bürgern - auf Kosten kultureller Bedürfnisse: Romanes galt als Dialekt, seine Verwendung war untersagt. "Vor dem Gesetz waren die Roma Gleiche unter Gleichen geworden, aber nur unter der Bedingung, daß sie auch keine Besonderen mehr sein durften", schreibt Karl-Markus Gauß in seiner Reportage "Die Hundeesser von Svinia".

"Aus historischer Perspektive müssen wir den Staatssozialismus in Osteuropa als erstes polit-ökonomisches Regime der Geschichte sehen, das die Roma systematisch in ihren sozioökonomischen Rahmen 'integrieren' oder 'assimilieren' wollte", sagt Růžička. "Aber schon zuvor verfolgten die Staaten - auch in den 'demokratischen' Regimes der Zwischenkriegszeit - eine offen antiziganistische Politik."

Růžička hält dazu ein Seminar an der Uni Wien ab. "Es überrascht mich immer noch, wie wenig die Mehrheit der Bevölkerung über die Lebensbedingungen und die Geschichte einer der größten staatenlosen Minderheiten Europas weiß", erklärt er die Idee zum Seminar. Es soll eine Plattform für interdisziplinären Diskurs und die multiperspektivische Erforschung der fortgeführten Roma-Marginalisierung sein.

Seit Mitte der Neunzigerjahre gebe es Zugang zur immer noch wachsenden Zahl von Berichten und Studien von Amnesty International, Weltbank und anderen NGO, die die prekäre Situation der Roma in den postkommunistischen Ländern aufzeigten, wie Růžička betont. Im Jahrzehnt nach 1989 habe sich deren Ausgrenzung noch vertieft. "Das war die Zeit, als die negativen Konsequenzen des Umbruchs -Langzeitarbeitslosigkeit, niedrige Bildungsabschlüsse, Diskriminierung und Ausschluss vom Wohnungsmarkt - ein 'ethnisches' Problem wurden, das sich auf kleine, abgeschlossene Roma-Communities konzentrierte."

Das Jahrzehnt der Roma

2005 wurde die Dekade der Roma-Inklusion 2005-2015 gestartet, ein "einzigartiges politisches Bekenntnis europäischer Regierungen, um die Diskriminierung der Roma zu beseitigen und die inakzeptable Kluft zwischen Roma und dem Rest der Gesellschaft zu schließen", wie es auf der Webseite heißt. Die Bereiche, bei denen Romadecade.org ansetzt, sind Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnen. Regierungen und NGOs arbeiten dabei mit Unterstützung der EU ebenso zusammen wie Roma-Vereine. Zwölf Länder mit beträchtlichen Roma-Gemeinschaften sind beteiligt: Albanien, Bosnien, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien, die Slowakei und Spanien.

2010 zeigte ein Bericht, dass die Regierungen kaum Daten zur Ausgrenzung -und schon gar nicht zur Integration -liefern. "Dieser Datenmangel steht", findet Michal Růžička, "symbolisch für die Bereitschaft und das Engagement der Regierungen, das Thema Roma voranzubringen".

Was wurde bisher erreicht? Das Bewusstsein sei geschärft worden, so romadecade.org. Wichtig sei auch der Dialog: Vermehrt nahmen Roma-Vertreter an Diskussionen zu Themen teil, die sie selbst betrafen. Die Dekade initiierte in einigen Vorzeigeregionen die Teilnahme an der Vorschulerziehung, auch wurden Schulstipendien im mittleren und höheren Bildungsbereich vergeben.

Dennoch seien die Ziele laut Romadecade. org teils zu ambitioniert gewesen. Es fehlten die Mechanismen, die sicherstellen, dass Regierungen angekündigte Zugeständnisse dauerhaft umsetzen. Auch sei strukturelle Diskriminierung oft hinderlich.

Was fehle, so Michal Růžička, seien Basisdefinitionen wie etwa die Frage, was genau man unter (sozialer) Inklusion bzw. Integration verstehe. "Der inhärente Widerspruch im Projekt zur Roma-Integration zeigt sich im Widerspruch zwischen politischer Rhetorik von oben und populistischer antiziganistischer Politik von unten."

www.romadecade.org

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