Auf dem Weg zur neuen Ordnung

Der Historiker Philipp Ther über den Wandlungsprozess in Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs

Interview: Elisabeth Schepe | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

In seinem neu erschienenen Buch "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent - Eine Geschichte des neoliberalen Europa" beschreibt der Historiker und Kulturwissenschafter an der Universität Wien Philipp Ther, wie die postkommunistischen Staaten ab 1989 zu einem Experimentierfeld neoliberaler Reformen wurden. Er analysiert die Transformation seit dem Umbruch von 1989 und die über den ehemaligen Ostblock und das 20. Jahrhundert hinausgehenden Folgen.

Falter Heureka: ,Alternativlos' ist einer der zentralen Begriffe in Ihrem Buch. Was bedeutet er?

Philipp Ther: ,Alternativlos' ist zu einem politischem Ersatzbegriff geworden. Man setzt ihn ein, wenn politische Maßnahmen, darunter auch neoliberale Reformen, politisch schwer zu begründen sind.

Der Begriff geht auf die frühen Achtziger zurück, und zwar auf Margaret Thatcher. Sie wollte damit ihre neoliberale Wirtschaftsreformen, also Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung verkaufen. Ihre Strategie hatte den Spitznamen TINA: There Is No Alternative.

Diese Floskel kehrt dann bei den neoliberalen Reformen Anfang der Neunziger in den postkommunistischen Staaten wieder. Sie wurde damals auch in Fällen angewendet, bei denen es de facto schon Alternativen gegeben hätte.

Sie sprechen von der Selbsttransformation der Gesellschaft. Was ist das?

Ther: Es geht mir um die Betrachtung der Transformation "von unten". Nicht: Was machen die Reformen mit den Menschen? Sondern: Was machen die Menschen eigentlich mit den Reformen und dieser neoliberalen Politik? Wie gehen sie mit den Herausforderungen eines Umbruchs um, der zum Teil den ganzen Alltag auf den Kopf gestellt hat?

Eine Anpassungsleistung ist etwa die massenhafte Emigration. Der Sozialstaat existiert nach der Krise von 2008/09 in einigen Ländern fast gar nicht mehr. Also passt man sich den Gegebenheiten an und wird so mobil wie das Kapital und die Waren. Das ist im Grunde genommen eine Reaktion im Sinne des neoliberalen Systems.

Sie wählen verschiedene Herangehensweisen an Räume: Ostmitteleuropa, Nationalstaaten, Regionen und Städte. Welche Ebene ist für die historische

Untersuchung der Transformation sinnvoll? Ther: Meistens bekommt man im Bereich der Transformationsforschung gesamtstaatliche Daten. Nur, wie aussagekräftig sind die, wenn wie in Polen kurz nach 2000 die Hauptstadt ein sechsmal so hohes Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner erwirtschaftet wie die ärmsten Gegenden des Landes?

Der Großraum Bratislava hat heute ein höheres BIP pro Kopf als Wien. Zwischen Bratislava und der Ostslowakei oder Orten nur 50 Kilometer außerhalb der Stadt jedoch liegen Welten.

Das ist das Problem: Länderdaten sind wichtig, sie bestimmen die Wirtschaftspolitik eines Landes. Besonders interessant waren für mich aber regionale und lokale Daten.

Was bedeutet es für einen Historiker, ein zeitlich naheliegendes Thema wie das Jahr 1989 zu behandeln?

Ther: Ich habe immer versucht, meine persönlichen Erfahrungen zu überprüfen. Die Erlebnisse dienten eher als Anregung, in welche Richtung ich forschen möchte. Ein Nachteil ist, dass viele Prozesse noch nicht abgeschlossen sind. In solchen Fällen wird der Historiker quasi zum Chronisten.

Nun, da Putin mit seiner Aggression an den Grundfesten jener Ordnung rüttelt, die 1989 geschaffen wurde, könnte man vielleicht sagen, dass das Zeitalter der Transformation abgeschlossen ist. Aber man weiß es noch nicht genau. Eine endgültige Interpretation ist jedenfalls erst dann möglich, wenn der zeitliche Abstand länger ist.

Zu den Vorteilen gehört, dass die Prozesse noch gegenwärtig sind. Man kann zum Beispiel mit Zeitzeugen reden. Zwar sind führende Oppositionelle von 1989 wie Václav Havel, Tadeusz Mazowiecki oder Bronislaw Geremek schon gestorben.

Es gibt sehr viele Demonstranten von 1989, die sich heute schon im Rentenalter befinden. Aus der Perspektive der Oral History und alternativer Zugänge ist es also höchste Zeit, über das Jahr 1989 zu sprechen.

Sie nennen 1989 eine ,verhandelte Revolution'. Warum wählen Sie diesen Begriff?

Ther: Frühere Revolutionen wie die französische oder die russische waren sehr gewaltvoll, symbolisiert etwa durch den Sturm auf die Bastille oder das Winterpalais. Sie zeugten von massiver Zerstörungswut. Das fehlt beim Ausbruch der Revolution 1989 und auch bei ihrem Fortgang weitgehend - mit Einschränkungen: In Prag wurden im November 1989 noch Demonstrationen niedergeknüppelt. In Litauen, Georgien und Rumänien gab es Tote. Trotzdem war die Gewalt gering - oder eher ein Mittel der Gegenrevolution. Stattdessen gab es den Runden Tisch. Den haben sich wie so vieles die Polen ausgedacht. Das Regime war am Ende und wusste, es muss einen Kompromiss eingehen. Dass es die Macht verlieren würde, hat niemand geahnt.

Am Runden Tisch haben Opposition und Regierung das erste große Reformprogramm verhandelt und sich auf freie Wahlen geeinigt. Diese hat dann die Opposition haushoch gewonnen.

Eine Verhandlungslösung setzt jedoch Vertrauen auf beiden Seiten voraus. Wenn man so will, ist das die historische Leistung vor allem der Opposition -und in eingeschränktem Maße auch der Regierenden. 1989 hat gezeigt, dass Gewalt kein revolutionäres Mittel ist. Auch, dass sie leicht nach hinten losgehen kann. Oder bloß für den eigenen Machterhalt eingesetzt wird wie in Rumänien oder am Tian'anmen Platz in Peking. Die Phänomene Revolution und Gewalt kann man trennen.

Warum gibt es keine sogenannte 89er- Generation, vergleichbar mit den 68ern?

Ther: 1989 hat für große Teile Europas einen tieferen Einschnitt bedeutet als 1968. Die Euphorie auf den Straßen gab es aber nur zwei oder drei Monate lang. Dann waren die Menschen sehr schnell mit dem alltäglichen Überleben beschäftigt.

Da hatte man keine Zeit für Versammlungen und Reden. Die Herausforderungen waren so übermächtig, dass sich kein generationelles Bewusstsein herausbilden konnte.

Außerdem waren 1989 fast alle Generationen auf der Straße - anders als 1968.

Beigetragen hat sicher auch die große Ernüchterung. Besonders aufgefallen ist mir das in Prag, als ich 1999 zum zehnjährigen Jubiläum dort war. Es wurde ein Kranz niedergelegt, wo damals Studierende niedergeschlagen wurden, aber es herrschte keinerlei Feierstimmung. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage gebessert hatte, spürte man keine Euphorie, sondern Enttäuschung.

Auch gibt es von den 89ern keine gemeinsame politische Programmatik wie damals bei den 68ern. Das kann man aber auch positiv sehen: Hätten damals alle das gleiche gewollt, gäbe es heute keine so pluralistische Gesellschaft.

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