Geschichte

Schriftliche Quellen am Computer für alle

Mehr als 600 000 Dokumente, 650 Archive, 23 europäische Länder: die Basis der Digitalisierungsplattform Icarus

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Soeben kam Thomas Aigner von einer Vortragsreise aus Kroatien zurück. Der Historiker und Präsident der Digitalisierungsplattform Icarus ist in Archiven in ganz Europa unterwegs. "In Österreich sind Urkunden gefaltet. In Italien sind sie wie Pläne gerollt. Beim Digitalisieren ist das eine große Herausforderung."

Icarus ("International Center for Archival Research") umfasst 150 Institutionen in Europa, den USA und Kanada. Bisher lag der Fokus der österreichischen Institute auf internationaler Ebene mit dem Ziel der digitalen Bereitstellung von Archivgut.

Gleichzeitig bietet Icarus Fachportale an wie das Urkundenportal "Monasterium" oder "Matricula", ein Portal für digitalisierte Kirchenbücher. "Diese Portale kennen viele, doch Icarus selbst stand bisher nicht im Vordergrund", sagt Aigner. Daher wurde an der Universität Wien in Kooperation mit dem Institut für Geschichte eine Tagung zum Thema "Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität" veranstaltet.

"Die gemeinsame Geschichte muss nicht immer etwas Trennendes sein. Es gab den Eisernen Vorhang ebenso wie die schmerzlichen Erfahrungen nach dem Zusammenbruch der Monarchie; doch letztlich ist Zentraleuropa ein historisch gewachsener Kulturraum. Digitalisiert man nun die Quellen dieses Raums, können sich die Menschen auf breiter Ebene damit auseinandersetzen", freut sich der Historiker.

Bestes Beispiel seien die Kirchenbücher. Sie betreffen fast jeden. "In Ostösterreich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man in Ungarn oder Tschechien Vorfahren hat. Bisher gab es die Sprachbarriere. Man wusste nicht, in welches Archiv man gehen muss." Jetzt lässt sich der Stammbaum von daheim erforschen: "Die eigene familiäre Identität wird durch die Digitalisierung denationalisiert."

Das lässt sich auch auf andere Geschichtsquellen übertragen, wie das Projekt "Gedächtnis ohne Grenzen" mit dem slowakischen Staatsarchiv zeigt: "Der Bestand des Komitats Bratislava - mit vielen Bezügen zu Österreich - wurde aufgrund der Sprachbarriere kaum erforscht."

Wobei mit "Sprachbarriere" nicht die Quellen selbst gemeint sind -sie sind im Fall der Pressburger Ratsprotokolle deutsch. Die Barriere ist vielmehr jene, die es zu überwinden gilt, wenn man in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, in ein Archiv will. Nun sind 40.000 Akten registriert, zweisprachig erschlossen und in einem Satz auf Slowakisch und Deutsch zusammengefasst.

Beim nächsten Icarus-Projekt namens Co-op (Beginn: Dezember) liegt der Fokus auf dem Potenzial der Gemeinschaft. "Herzstück des Projekts ist die Generierung von Communities durch Conventions, Round tables und Workshops: die Zusammenarbeit der Institutionen mit den Usern", erklärt Icarus-Präsident Aigner.

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