Was am Ende bleibt

Kunst ohne Grenzen

Erich Klein | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Für jemanden, der in Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurde, besaßen politische Grenzen beinahe den Charakter von natürlichen Begrenzungen wie Flüsse oder Gebirgszüge. Grenzen waren unhinterfragt da, ein natürlicher Horizont, hinter den zu schauen es keinen Grund gab. Das Verschwinden der Grenze im Jahr 1989 war genauso überraschend wie das Entstehen neuer Grenzen in der Folge.

Kein anderes Medium - weder Wissenschaft noch Ökonomie oder Politik - thematisiert die ständige Veränderung fixer Bestände deutlicher als zeitgenössische Kunst. Waren früher die Pfarrer für ewige Werte zuständig, an die sich manche noch immer halten, wenn sie von "wahren Werten" sprechen -zeitgenössische Künstlerinnen sind die Fürsprecher der Werte des Flüchtigen. Weitaus früher als die Ideologen diverser Couleurs vermeinten, hatte die zeitgenössische Kunst Grenzen hinter sich gelassen. In der Kunst mussten Grenzen ständig revidiert werden. Längst wurde nicht mehr gefragt: "Was ist Kunst?", die Frage lautet bis dato vielmehr: "Wann ist Kunst?" oder "Wo ist Kunst?"

Den Umstand, dass allein Kunst als "moderne Kunst" den einzigen, alle ideologischen Grenzen überspannenden Faktor darstellt, der weithin Anerkennung findet, mag man als Kuriosum auffassen. Am grundsätzlichen Befund ändert es nichts. Wo aber, lässt sich fragen, bleiben bei all dem die Bevölkerungen, die Konsumenten, die eigentlichen Adressaten?

Der englisch-amerikanische Lyriker T. S. Eliot, der mit seiner Dichtung "The Waste Land" ein Urbild für die Verwüstungen des letzten Jahrhunderts geschaffen hat, schrieb den arroganten Satz: "Es scheint das Beste zu sein, wenn die große Mehrheit der Menschen an dem Ort lebt, an dem sie auch geboren wurde."

Wir mögen uns in einer Welt befinden, in der noch immer die meisten Menschen mehr oder weniger an dem Ort leben, an dem sie geboren wurden. Aber die gewaltsame Auflösung derartiger "Orte" ist unübersehbar und wird unablässig fortgesetzt.

Hat Kunst etwas dazu zu sagen? Ein Name für den Vorgang ist "Globalisierung". Die Welt tut so, als wäre sie ein Dorf im Ausnahmezustand. Wie viel ist nun auf die Hoffnung zu geben, dass die Künstlerinnen wüssten, dass fünfundzwanzig Jahre in dieser Hinsicht ein vernachlässigbarer Faktor sind? Doch vielleicht ist uns tatsächlich nur um der Hoffnungslosen willen Hoffnung gegeben ...

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