Die Vergessenen

Der neue Leiter des DÖW, Gerhard Baumgartner, über die Verfolgung der Roma und Sinti während der Nazis und die Folgen

Interview: Elisabeth Schepe | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Falter Heureka: In welcher Art und Weise wollen Sie als Roma-Historiker den Schwerpunkt im DÖW ausbauen?

Gerhard Baumgartner: Ein großes Anliegen ist die Aufklärung, was mit den 5.000 Burgenland-Roma geschehen ist, die nach Łódź(polnisches Getto nahe dem Vernichtungslager Chełmno) gekommen sind. Dazu haben wir neue Dokumente gefunden, und das Bild lichtet sich langsam. Wir können mittlerweile 2.000 der 5.000 Personen, vor allem jene, die aus dem Bezirk Oberwart mit Deportationszügen nach Łódź gebracht wurden, identifizieren. Dann werden wir 2015 in Zusammenarbeit mit der österreichischen Botschaft in Warschau und dem Kulturverein österreichischer Roma im polnischen Vernichtungslager Chełmno einen Gedenkstein errichten. Dort sind die meisten Deportierten aus Łódź umgebracht worden und liegen in einem Massengrab. Auch gibt es keine Monografie über Lackenbach (das Lager für Roma und Sinti im Burgenland). Ich bin dabei, die verfügbaren Materialien zu sichten.

Eine laufende DÖW-Studie beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Holocaust auf die Schul-und Berufssituation der Roma und Sinti.

Baumgartner: Im Burgenland gab es nach 1945 unter den Roma und Sinti eine sehr schlechte Schul- und Berufsausbildungssituation. Wir sind daran zu beweisen, dass das aus der Verfolgung während des Nationalsozialismus resultiert. Die meisten der Überlebenden kamen im Jugendalter ins KZ. In den Jahren davor war ihnen ein Schulbesuch verboten. Nach 1945 ergab sich daraus eine extrem hohe Analphabetenquote. Auch herrschten katastrophale Wohnsituationen und ärmliche Verhältnisse. Viele Kinder sind im Unterricht nicht mitgekommen und wurden schnell in die Sonderschule abgeschoben. 1995 schüttelte das Attentat in der Roma-Siedlung in Oberwart die Regierung wach: Zu diesem Zeitpunkt gab es dort keine einzige Person mit Schul- oder Berufsabschluss. Man installierte eine außerschulische Lernbetreuung für die Kinder - ein absolutes Erfolgsrezept. Die Roma-Siedlung Oberwart war eigentlich ein Zusammenschluss von zerstreuten, traumatisierten Holocaust-Opfern, die sich in dieser Siedlung zusammenfanden. Kein Wunder, dass dort die Situation am schlimmsten war. Es hat sich ja kein Mensch mit den Überlebenden befasst.

Wie wird die private Gedenkkultur abseits von offiziellen Veranstaltungen in den Roma-Gemeinden sichtbar?

Baumgartner: Gleich nach dem Krieg gab es einige Lieder über die Vernichtung in den Lagern, die Verschleppung der Angehörigen. Eines der bekanntesten ist 'Auschwitzate hi kher baro - In Auschwitz gibt's ein großes Haus'. Wie andere Überlebende des Holocaust wollten viele nicht darüber reden und vor allem ihre Kinder nicht damit belasten. Es dauerte sehr lange, bis die Überlebenden-Generation ihr Schweigen gebrochen hat. Es gab viele Ängste, wieder verfolgt zu werden, wenn man den Mund aufmache. Und man muss aber auch sagen: Das wollte auch keiner hören. Was noch dazu kommt: Leider wissen die meisten der heute lebenden Roma nicht, wo ihre Angehörigen umgebracht wurden. Österreich ist das einzige Land in Europa, das eine Namensdatenbank der Roma und Sinti unter den Holocaustopfern erstellt hat, doch die wenigsten der Nachkommen wissen, dass das größte Massengrab österreichischer Roma in einem Wald im heutigen Polen liegt, in Chełmno.

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