Geschichte

Typisch Studierende! Ja, gibt es die überhaupt?

13 Studierende aus verschiedenen Jahrhunderten auf einem Blog: Das Studentenleben im Wandel der Zeiten

Sonja Burger | aus HEUREKA 4/14 vom 22.10.2014

Hongkong, 22. September 2014: Rund 13.000 Studierende bestreikten Vorlesungen und setzten damit den Startschuss zu einer Demonstration für mehr Demokratie, an der sich zuletzt mehrere Hunderttausend Menschen beteiligten. Studierendenproteste wie in Hongkong zeigen, dass die junge Generation nicht alles kritiklos hinnimmt.

Um das Leben der Studierenden ranken sich Mythen. Fakt ist, dass dieser Lebensabschnitt Altbekanntes oft auf den Kopf stellt. "Der typische Studierende existiert jedoch nicht", sagt Marianne Klemun, Professorin für Neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien.

Um Mythen zu entzaubern und Stereotype aufzubrechen, initiierte Klemun den Blog "uni:fiction". Hier erzählt ein vierköpfiges Team die 650-jährige Geschichte der Universität Wien aus der Perspektive von dreizehn fiktiven Studierenden zwischen 1365 und heute. Eine dieser Figuren, deren Hintergrund akribisch recherchiert wurde, ist Martin aus dem 16. Jahrhundert. Am Totenbett seines Großvaters, den die Pest dahinraffte, versprach er, sich zum Medicus ausbilden zu lassen.

Ganz anders die Motive für die Studienwahl beim Ägyptologie-Studenten Julius 1927/1928. Er stand ganz im Bann der Berichte über die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun durch Howard Carter im Jahr 1922/1923. Den politischen Entwicklungen seiner Zeit stand er kritisch gegenüber. Genauso wie Ursula, eine fiktive Studentin der 1980er, der Fritz Blakolmer, Archäologe und einer der Koordinatoren des Blogs, sogar seine Matrikelnummer leiht, da auch er damals zu studieren begann.

Hinter all diesen Geschichten steckt eine systematische Analyse, und abgesehen von den Studierenden sind alle anderen Handelnden reale Personen. Klemun bezieht auch politische Ereignisse mit ein, da die Uni kein Elfenbeinturm, sondern Teil der politischen Landschaft sei. Damals wie heute gäbe es, so Blakolmer, "besorgte Eltern, die vor brotlosen Studien warnen".

Vieles wandelte sich aber seit 1365, etwa die Art der Wissensaneignung, ihre Mittel und Orte. Neben der Universität bleibt etwa das Studentenheim ein zentraler Lernort. Zur Geschichte und Architektur Wiener Studentenheime forschen Marina Döring-Williams und Elisabeth Wernig seit 2011 an der Abteilung Baugeschichte der TU Wien. In den Zwanzigerjahren führte Wohnungsnot zu ersten Studentenheimträgern, der Akademikerhilfe und der WIHAST (Wirtschaftshilfe für Arbeiterstudenten).

"Die Architektur wandelte sich von reinen Zweckbauten über die Wohninnovationen der Sechzigerjahre, den folgenden Massenbauten bis hin zum Trend der Single-Apartments." Heute seien die Ansprüche der Studierenden höher, gleichzeitig gewinnen Gemeinschaftszonen - auch zum gemeinsamen Lernen - wieder an Bedeutung.

Wer das Typische am Studierenden sucht, muss im Detail suchen. Ab dem 20. Jahrhundert wird die Uni zur Domäne der Frauen. Mittlerweile stellen sie meist die Mehrzahl der Studierenden. Und setzen sich wie viele ihrer männlichen Kollegen auch in Hongkong für mehr Demokratie ein.

Link: blog.univie.ac.at/kategorie/uni-fiction

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