Schafft den Literaturunterricht ab!

Fordert der Staatspreisträger für Literaturkritik Erich Klein. Wer lesen will, meint er, liest sowieso

ERICH KLEIN | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

Die Entrüstung über die Abschaffung der Literatur als Maturagegenstand ist, wie der Großteil vergleichbarer Debatten mit verteilten Rollen, pure Heuchelei. Verschwindet eine Pflanzenart, ist eine seltene Erdmaus, deren von Umweltschützern verteidigtes Biotop Stadtplanern Kopfzerbrechen bereitet, vom Aussterben bedroht, oder gar ein Kulturgut gefährdet?

Sieht man von den seligen Reminiszenzen der Kommentatoren an die Jugendtage ihrer Reifeprüfungen ab, ist das Verschwinden von Adalbert Stifter, Franz Kafka und Co. als Gegenstand der Deutsch-Matura nur Abbild des allgemeinen Umgangs mit Literatur.

Es soll nicht schon wieder lamentiert werden, aber hat sich jemand aufgeregt, als literarisch eher anspruchslose Krimiautoren an österreichischen Gymnasien zum Lesestoff für Maturanten und deren Lehrern wurden? Schritt eine Kommission ein? Meldeten sich universitäre Didaktiker zu Wort?

Dass reifegeprüfte Österreicher noch nie den Namen Ingeborg Bachmann oder Ernst Jandl gehört haben, soll keine Seltenheit sein. Na und? Nimmt noch irgendwer ernsthaft an, Literatur und deren Kenntnis verfügen in unserer Gesellschaft über jenen Stellenwert, den ihr der amerikanische Philosoph Richard Rorty in einem ironisch-verschmitzten Bild einmal attestierte?

Drei grundsätzliche "Figuren", so Rorty, könnten als repräsentativ und wirkmächtig für die postaufgeklärte, liberale Gesellschaft angesehen werden: der Manager, der Therapeut und der Ästhet. Die Bedeutung der beiden ersteren bedarf keiner näheren Erläuterung. Die prekäre Rolle des Ästheten scheint hingegen auf nicht absehbare Zeit garantiert zu sein.

Es entspringt schon literarischer Fantasie, den Manager auf der Couch des Therapeuten zur Lösung seiner Probleme mit einem Gedichtband in der Hand zu imaginieren. Eine Antwort darauf gibt wie immer der Markt: Auch wenn es sich um nichts als ein hölzernes Eisen oder schlichtweg um Humbug handelt, "Proust für Gestresste" oder "Marc Aurel für Unternehmensberater" sind Titel, die tatsächlich von großen Verlagen geführt werden. Ob sie etwas über die Literatur, deren Brauchbarkeit und Sinnhaftigkeit aussagen, sei dahingestellt. Dass sie mit der simplen Verwertung von Literatur zu haben, ist unzweifelhaft.

"Ein Buch ist ein Messer, das in mir wühlt", schrieb Franz Kafka. Geringer sollte die Aufgabe von Literatur nicht veranschlagt werden. Es sei denn, man fasst sie als eine Form der Altpapierverwertung aus. Was daraus folgt?

Schafft den Literaturunterricht samt Literaturgeschichte in den Gymnasien endgültig ab! Schon um der Heuchelei über die Bedeutung von Literatur, von Schöngeistigkeit und hoher Kunst zumindest ein respektables Ende zu bereiten.

Richard Rortys Unterscheidung von "weltschaffender" und "kritischer, analytischer" Literatur aber überlasst den Spezialisten. So kann sich niemand mehr bizarren Illusionen hingeben. Etwa jener, dass ein junger Mensch für seine Sozialisierung Literatur nötig hätte. Wie sagte der Schriftsteller Oswald Wiener einst? "Ein junger Mensch muss davon ausgehen, dass alles, was bisher gemacht wurde, von Idioten gemacht wurde." Wer lesen will, kann auch lesen. Und liest aus und in sich selbst.

"Die Entrüstung über die Abschaffung der Literatur als Maturagegenstand ist pure Heuchelei." Erich Klein, Journalist, Übersetzer, Literaturkritiker

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