Kommentar

Mainstream gegen Orchideenfach

CHRISTOPH KRATKY | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

Österreichs Universitäten sind vielgestaltig. Gemeinsam bieten sie mehr als 1.000 Studiengänge an. Die Breite dieses Angebots ist sehr unterschiedlich verteilt: Während die Uni Wien allein über mehr als 200 Studiengänge verfügt, sind es bei der vom Budget her nicht viel kleineren MedUni Wien gerade einmal acht. An den vier "Volluniversitäten" in Wien, Graz, Innsbruck und Salzburg sind weit mehr als die Hälfte aller Studiengänge eingerichtet.

Keine Frage: Eine moderne Wissensgesellschaft braucht fachliche Breite. Österreich braucht ein Unisystem, welches das ganze Spektrum wissenschaftlicher Disziplinen abbildet. Das ist nicht nur ein Gebot kulturellen Selbstverständnisses, sondern auch wissenschaftspolitische Vernunft. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass Islamwissenschaften, Sino-oder Turkologie gesellschaftspolitisch wichtig sein würden?

International gibt es allerdings eine starke Tendenz zur Konvergenz von Forschungsinteressen -Stichwort "Grand Challenges". Forschung auf solcherart priorisierten Gebieten wird forciert, gut finanziert und in jeder Hinsicht unterstützt -Mainstream eben. Das schlägt auch auf unsere öffentlich finanzierten Bildungsund Forschungseinrichtungen durch. Ihnen wird Profilbildung und Schwerpunktsetzung abverlangt.

Derartiges wird einer Spezialuni mit einer Handvoll Fächern keine großen Probleme bereiten. Sehr wohl aber den Vollunis mit ihrem Fächerspektrum. Erschwerend kommt hinzu, dass diese mit Ausnahme jener in Wien relativ klein sind.

"Small is beautiful" ist in der Forschung oft nicht wahr. In vielen Fächern braucht man "kritische Masse", um international mithalten zu können. Für kleinere Unis stellt das einen schwer aufzulösenden Widerspruch dar: Breite gegen Spitze. Für ein kleines Land mit kleinen Unis kann das nur bedeuten, dass die Unis ihr Fächerspektrum aufeinander abstimmen - ein schmerzlicher Prozess, der sich oft genug mit der universitären Autonomie spießt.

Den besseren Weg hat uns Dänemark vorgemacht: die Zusammenlegung von Unis. Allein am Standort Graz existieren wenige hundert Meter voneinander entfernt drei naturwissenschaftliche Fakultäten, jede aus forschungspolitischer Sicht unterkritisch.

Die Diskussion um die Zusammenlegung von Uni und Med Uni Innsbruck gibt einem freilich wenig Hoffnung, dass die Kleinstaaterei in unserem Unisystem in absehbarer Zeit überwunden werden könnte.

Christoph Kratky lehrt am Institut für Molekulare Biowissenschaften der Karl Franzens Universität Graz

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