Freistetters Freibrief

Extreme Physik

FLORIAN FREISTETTER | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

In seinem Buch "Und sie fliegt doch: Eine kurze Geschichte der Hummel" beschreibt der britische Biologe Dave Goulson die Insektenforschung. Für seine Arbeit benötigt er kaum mehr als ein Notizbuch und einen Bleistift. Seine Experimente bastelt er aus einfachen Mitteln und kommt damit doch zu sehr relevanten Ergebnissen. So fanden er und seine Kollegen heraus, dass die in Pestiziden verwendeten "Neonicotinoide" das Nervensystem von Bienen durcheinanderbringen. Sie finden den Weg zurück in den Bienenstock nicht mehr und verhungern. Ihre Forschung führte 2013 zur EU-weiten Einschränkung bestimmter Neonicotinoide, um das um sich greifende Bienensterben zu begrenzen.

In anderen Wissenschaften ist es viel schwieriger geworden, fundamental neue Erkenntnisse zu gewinnen. Mit Notizbuch und Bleistift kommt man in der modernen Physik oder Astronomie nicht mehr weit. Hier benötigt man riesige Teleskope in abgelegenen Regionen der Welt oder noch größere unterirdische Teilchenbeschleuniger. Moderne Forschung ist wegen eines hohen technischen und finanziellen Aufwands oft nur noch in internationalen Kooperationen tausender Wissenschafter möglich.

Steckt die aktuelle Physik in einer kreativen Krise, die sie durch den massiven Einsatz von Gerät zu bewältigen versucht? Gibt es keine "einsamen Genies" mehr wie Albert Einstein, der nur dank seiner Gedanken die komplette Wissenschaft revolutioniert hat? Vielleicht -aber viel eher ist diese Entwicklung ein Ausdruck des enormen Fortschritts, den die Physik in den letzten Jahrzehnten bei der Erklärung der Welt gemacht hat. Das, was man mit einfachen Mitteln erforschen und verstehen kann, wurde mittlerweile erforscht und verstanden. Übrig bleiben nur noch die Mikrowelt der Quantenmechanik und das ferne Universum. Je mehr über diese extremen Bereiche herausgefunden wird, desto extremer müssen auch die Instrumente zu ihrer Erforschung werden.

Die Forschungsobjekte der modernen Physik sind der Alltagswahrnehmung fast komplett entrückt. Es ist daher kein Wunder, dass immer mehr Aufwand getrieben werden muss, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Ohne die großen Maschinen also könnte heute wohl auch Einstein wenig ausrichten.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simple

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige