Brief aus Brüssel

EMILY WALTON | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

Im heurigen Jahr der zahlreichen Gedenken kann man auch -und gerade - in Belgien einige Geschichtsstunden nachholen: Bei Veranstaltungen und in Ausstellungen im ganzen Land wird an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren erinnert. Damals wurde das kleine, neutrale Belgien vom großen Nachbarn Deutschland besetzt. Auch kann man sich über Belgiens Leiden während des Zweiten Weltkriegs informieren. Wie schon zuvor geriet das Land wieder unter deutsche Zwangsherrschaft. Vor wenigen Wochen erst, im September, wurde in Brüssel im Beisein von Veteranen der 70. Jahrestag der Befreiung Belgiens durch die Alliierten gefeiert.

Man muss schon etwas tiefer graben, um zu einem anderen dunklen Kapitel der belgischen Geschichte vorzudringen, das zwar länger zurückliegt, dessen Aufarbeitung aber erst (viel zu) langsam beginnt: Die Kolonialisierung des Kongo im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Wer in Brüssel lebt, hat zumindest einen Bezugspunkt: Matongé, ein Viertel, das von kongolesischen Einwanderern geprägt ist und sogar nach einem Stadtteil von Kongos Hauptstadt Kinshasa benannt ist. Das Brüsseler Matongé ist bunt, charmant heruntergekommen und bei jungen Belgiern ebenso beliebt wie bei den Expats. Die afrikanischen Geschäfte verkaufen Obst, Gemüse und Gewürze, die man nirgendwo sonst in Brüssel in dieser Qualität und um diesen Preis bekommt, und in den vielen Bars und Restaurants kann man an einem Abend eine kulinarische Weltreise machen.

So beliebt das Multi-Kulti-Viertel auch ist, so wenig wissen selbst die meisten Belgier über die Kolonialgeschichte ihres Landes. In einer neu eröffneten Ausstellung im Belvue-Museum sieht man seit ein paar Wochen die sprichwörtlichen Lichter der Reihe nach aufgehen: Dass König Leopold das rohstoffreiche Land zunächst als seinen Privatbesitz deklarierte und damit zum größten Kolonialherren der Welt wurde, bringt viele zum Nachdenken. Joseph Conrads Roman "Heart of Darkness" spielt in dieser Leidenszeit des Kongo.

Wie brutal die Kolonialisierung durch Leopold vorangetrieben wurde und dass das offizielle Belgien dies jahrzehntelang in seiner staatlichen Propaganda leugnete -das erfahren viele Menschen hier zum ersten Mal. Der Titel der Ausstellung ist eine klare Ansage, die gut als Motto für die überfällige Aufarbeitung dienen könnte: "Unser Euer Kongo -Die belgische Propaganda unverhüllt."

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