Haidingers Hort der Wissenschaft

Gelassen dem Ende entgegen

MARTIN HAIDINGER | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

Also, ich muss ja vorausschicken, dass ich nicht leicht zu deprimieren bin, aber nach der Lektüre des letzten Buches des Kult-Philosophen Peter Sloterdijk ("Die schrecklichen Kinder der Neuzeit", Suhrkamp Verlag, 490 Seiten) habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, dass es sich wohl in diesem Leben nicht mehr lohnen wird, eine Langspielplatte anzuschaffen.

Denn es wird bei uns sowieso bald alles zu Ende sein, zumal Europa laut Meister S. nichts mehr zu vererben hat, nichts vererben will. So entnimmt man es den "Schrecklichen Kindern der Neuzeit". Seit die Moderne alle Generationsbande zu der Väter Erbe gekappt, seit das Abfeiern der Bastardisierung das Überkommene abgelöst hat, seit die "Filialkultur" in Übersee das Muttertier Europa überflügelt hat, seit

Kurz gesagt: Alles ist eher nicht so behaglich. Seit seiner "Kritik der zynischen Vernunft"(und das ist ja auch schon starke dreißig Jährchen her), hat der Karlsruher Rektor verbal lange nicht mehr so kräftig zugeschlagen ("die europäische parasadistische Zäsur im Geschehen zwischen den Generationen"). Sein zweibändiges Werk mit fast tausend Seiten wurde bei seinem Erscheinen im Jahr 1983 sofort zum Kultbuch tausender Studenten und zum Lieblingsthema des deutschsprachigen Feuilletons.

Und ja, man könnte sich über das weitgehend vaterlos aufgewachsene Nachkriegskind Peter Sloterdijk vulgärpsychologisch beruhigen und vermeinen, der Mann nestle auto-therapeutisch an seiner eigenen Vita herum, womit man aber vor allem dem großen Historiker in ihm nicht gerecht würde! So bleibt also die Schrecklichkeit monströs, die von seinem Werk ausgeht.

Indes: Als ich ihm am Rande der Kremser "Globart academy" im Oktober 2014 in einem schnieken Schlosshotelfoyer in Dürnstein zum Ö1-Interview gegenübersitze, fällt die Beklemmung ab.

Warum? Der da im Namen einer gewaltigen Krise unterwegs zu sein scheint, hat eine zu zwei Drittel heruntergeschmauchte Qualitätszigarre in der einen und ein Glas großartigen Rotweins in der anderen Hand. Ein weiser Philosoph, der so bewusst und gelassen genießt, hat nichts von einem endzeitlichen Oberdeckpassagier der Titanic an sich, der vor dem Absaufen noch rasch die letzte Champagnerflasche geköpft hat. Wir können uns also beruhigen. Wir werden am Leben bleiben.

Zumindest bis zum finalen Zug von Peter Sloterdijks Zigarre. Die letzten Schlucke der Menschheit sind noch nicht getrunken.

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