Geschichte

Ehebruch und Gewalt sind Dauerbrenner

Ehebruch wird als Motiv für eine Scheidung meist überschätzt. Die Gründe für die Trennung sind vielfältig

SONJA BURGER | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

Karam und Kartari Chand sind seit 88 Jahren verheiratet und, sofern sie es erleben, werden sie am 11. Dezember ihren 89. Hochzeitstag feiern. Extrem lange Ehen wie diese sind äußerst selten.

Was im Normalfall mit Liebe und Hoffnung beginnt, endet heutzutage oft viel früher vor dem Scheidungsrichter als in früheren Generationen, wie die Scheidungsstatistik belegt. Der Gesundheitspsychologe Harald Werneck betont, dass "vielen die Trennung jedoch schwerfällt. Die Unsicherheit, ob es eine Fehlentscheidung ist, bleibt." Warum es trotzdem dazu kommt, hat aus psychologischer Sicht vielfältige Ursachen, etwa die Sozialisation oder Persönlichkeitseigenschaften.

Was die gesetzlichen Trennungsgründe betrifft, hat sich seit 1783, als das kirchliche vom weltlichen Eherecht abgelöst wurde, manches stark gewandelt, anderes kaum: Ehebruch und Gewalt etwa sind Dauerbrenner. Im FWF-Forschungsprojekt "Ehen vor Gericht" am Institut für Geschichte der Universität Wien befasste sich der Historiker und Dissertant Georg Tschannett mit historischen Ehetrennungsverfahren und den Handlungsoptionen der Beteiligten vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Jene Gründe, die in der Gerichtspraxis zur Sprache kamen, warum Ehepartner damals die "Trennung von Tisch und Bett" wollten, waren für Tschannett besonders interessant. "Dort kam alles vor: Vom Mundgeruch über Ekel vor dem Sexualverkehr bis hin zu Ehebruchsgeschichten." Solche Trennungen von Tisch und Bett, wie sie das kirchliche Eherecht vorsah, waren zeitlich befristet. Eine Wende brachte die Aufklärung, mit der sich neben nicht einvernehmlichen Trennungen von Tisch und Bett auch die einvernehmliche Lösung durchsetzte. Heutzutage werde Ehebruch, was die Ursachen für eine Scheidung betrifft, laut Werneck "allerdings überschätzt".

Das Thema Gewalt zieht sich ebenfalls durch und galt auch im weltlichen Eherecht des ABGB 1811 als gesetzlich anerkannter Scheidungsgrund, genauso wie etwa Geschlechtskrankheiten, Kränkungen oder ein unordentlicher Lebenswandel. Wie die Forschungsergebnisse zeigen, waren und sind die Gründe für eine Trennung vielfältig.

"Speziell bei langen Ehen wurde emotional und oft auch finanziell von beiden Seiten viel investiert, weshalb eine Trennung damals wie heute ein Verlustgeschäft ist", ergänzt Werneck. Für Katholiken kommt das Problem der Wiederheirat erschwerend hinzu. Wie die Religionswissenschafterin Theresia Heimerl von der Universität Graz betont, "haben in den letzten fünfzehn Jahren die Scheidungen im kirchlichen Kernmilieu signifikant zugenommen. Dass heute bis hinauf zum Papst nach einer Lösung für den Wunsch nach Wiederverheiratung gesucht wird, wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen."

Unabhängig davon, wie nahe man der Religion steht: Endet die Ehe, ist die Trennung schmerzlich. "Im Vorfeld wurden deshalb auch früher oft mehrere Instanzen, vom Pfarrer bis zu Gerichten konsultiert", so Georg Tschannett. Welche konkreten gesellschaftlichen "Sanktionen" die Getrennten erwarteten, ist historisch nicht gesichert. Im kirchennahen Milieu seien Trennungen laut Heimerl nach wie vor moralisch aufgeladen, speziell, was die individuelle Schuldfrage angeht. Ob es künftig noch Paare wie Karam und Kartari Chand geben wird, wagt heute wohl keiner zu beantworten.

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