Was am Ende bleibt

Ein vertaner Krieg

ERICH KLEIN | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

Der Gedenkfuror des Jahres 2014 mit hundertjährigem Blick auf 1914/1918 türmt auf sämtlichen History Channels Trümmer der Vergangenheit auf, dass selbst einem Engel der Geschichte längst die Luft weg bleibt. Trotz der Überfülle an neu entdecktem historischem Foto-und Filmmaterial kam auch das gute alte Buch zum Zug: in Gestalt von Christopher Clarks "Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog".

Zum Bestseller stilisiert, wie es üblicherweise nur Esoterik, Kochen oder Lebensberatung zuteil wird, mutierte Clarks ausgewogene Analyse europäischer Verhältnisse vor einhundert Jahren rasch zum Lieblingsgegenstand der Talkshows. Die akademisch-kritische Öffentlichkeit rümpfte ob der runderneuerten Vergangenheitsbewältigung in Sachen "Kriegsschuldfrage" eine Zeitlang die Nase, tat dann aber bereitwillig mit. Das Publikum schlug sich begeistert auf die Seite der "Normalsierung" deutscher Geschichte.

Der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner, selbst Verfasser umfangreicher Studien über den Ersten Weltkrieg und das Ende des Habsburgerreiches, wies mehrfach darauf hin, dass er sich an keinen auch nur annähernd vergleichbaren Medienrummel in Sachen Gedenken erinnern könne. Von der Diskussion der "Kriegsschuldfrage" hält er nichts. Man müsse wohl noch den Herbst abwarten und das Jahr 2015, als der österreichisch-italienische Krieg begann. Solange muss Serbien noch sterbien

Die Befürchtung, dass später nichts mehr in Sachen Vergangenheit kommt, liegt nahe. Schließlich zeigen die europäischen Eliten und politischen Klassen nur geringe Bereitschaft, dieses Gedenkjahr zur Überprüfung brauchbarer europäischer Bestände zu nutzen. Nicht einmal die Historiker der Nachfolgestaaten des Habsburgerimperiums waren imstande, sich an einen Tisch zu setzen.

Dass mitten ins Gedenkjahr der Krieg zwischen Russland und der Ukraine platzte, machte alle historische Betrachtung fast gegenstandslos. Gerade noch ging in Deutschland das Wort von der "Freiheit, die am Hindukusch verteidigt wird" um, doch auf die russische Besetzung der Krim und die ostukrainische Separatistenumtriebigkeit mit Namen "Neurussland" folgte verwirrtes Schweigen. Europa -ein ratloses Kopfschütteln und Händeringen? Bleibt uns wirklich nichts anderes übrig, als Joseph Roths Romane "Die Kapuzinergruft" und "Radetzkymarsch" zu lesen?

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