Wie wird Österreich resilient?

Der Katastrophenschutz der Gemeinden ist unzureichend. Wie kann für die Krise vorgesorgt werden?

SONJA BURGER | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

Der Schnee im Rekordwinter 2006 erforderte in der Steiermark 3.326 Einsätze. Allein im Raum Mariazell wurden 950 Objekte von den Schneelasten befreit. Was die freiwillig geleisteten Einsatzstunden von Freiwilligen Feuerwehren oder Rettungskräften betrifft, gehen sie österreichweit längst in die Millionen. Wetterextreme und ihre Folgen zeigen, wie wichtig der Katastrophenschutz ist.

Im Zusammenhang mit Krisen gewinnt der Begriff "Resilienz" an Bedeutung. Dabei geht es um die Fähigkeit eines Systems, negative Umwelteinwirkungen abzupuffern und sich weiter zu entwickeln -wenn nötig bis zum Systemwandel. "Auf den Ebenen von Politik und Verwaltung bleibt jedoch oft alles beim Alten", kritisiert der Sozial-und Wirtschaftsgeograf Peter Weichhart. Für ihn sind die Verwaltungsstrukturen auf Gemeindeebene unzeitgemäß und werden den heutigen Krisen nicht mehr gerecht.

Funktionalregionen statt Länder?

Funktionalregionen wie in Skandinavien, "wo sekundär-kommunale Agenden wie Naturschutz, Raumplanung oder Abfallwirtschaft auf regionaler Ebene behandelt werden, wären vernünftigere Strukturen".

Was die Großereignisse der letzten Jahre betrifft, stellt der Geograf und Volkswirt Clemens Pfurtscheller vielen Gemeinden ein gutes Zeugnis aus. Oft hätten die Naturkatastrophen einen Entwicklungsschub ausgelöst und zum Umdenken geführt. "Wo bisher keine Betroffenheit war, wird der Katastrophenschutz aber leider oft hintan gereiht."

Nach Jahren in der Forschung ist er beim Landesfeuerwehrverband Vorarlberg für Naturgefahrenprävention zuständig. Das Risiko, als Gemeinde selbst einmal zu den Betroffenen zu zählen, sollte präsenter sein, nicht zuletzt, weil sich durch Präven-tion enorme Schäden verringern lassen.

Krisen bergen Entwicklungschancen

Dass es kein Risiko gibt, ist jedoch eine Illusion und in Hinblick auf die Entwicklung eines Systems auch nicht wünschenswert. Denn wie der Sozial-und Netzwerkanalytiker Harald Katzmair betont, "steckt in Krisen viel Potenzial, da sie stets den Status quo infrage stellen und eine Chance zur Entwicklung und Erneuerung darstellen". Ohnehin sollten Systeme, ob Individuum oder Gemeinde, stets in Bewegung bleiben.

Vielfalt bietet große Chancen

Wie robust eine Gemeinde ist, hängt nicht bloß vom Katastrophenschutz oder den politischen Entscheidungsträgern ab. Ein Aspekt, der von den Experten ins Spiel gebracht wird, heißt Vielfalt. Egal, ob es sich dabei wie bei Weichhart um "ökonomische, soziale und kulturelle Vielfalt" dreht, oder es sich wie bei Pfurtscheller um eine stärkere Einbindung von Älteren, Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund in Einsatzorganisationen handelt.

Für Katzmair "stehen in einer vielfältigen, lebendigen Gemeinde die Chancen gut, dass sie in einer Krise handlungsfähig bleibt". Dazu sei innerhalb der Gemeinde eine Mischung aus "Etablierten, die das Bewährte vertiefen, schrägen Vögeln, die alternative Wege finden und Entrepreneurs, die das umsetzen", unverzichtbar. Wird also Österreich durch seine wachsende Vielfalt resilienter?

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