"Konflikte tauchen nicht plötzlich auf"

Walter Feichtinger, Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement, und Hermann Mückler, Professor für Kulturund Sozialanthropologie, über aktuelle Krisenherde

SONJA DRIES | aus HEUREKA 5/14 vom 05.11.2014

In der Sky Lounge der Universität Wien wurde das Buch "Wege und Irrwege des Krisenmanagements" vorgestellt. Im Anschluss diskutierten die Mitautoren und Herausgeber Walter Feichtinger, Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement, und Hermann Mückler, Professor für Kultur- und Sozialanthropologie, über aktuelle Krisenherde und die Herausforderungen des internationalen Krisen-und Konfliktmanagements.

Falter Heureka: Welche Kennzeichen von erfolgreichem Krisen- und Konfliktmanagement gibt es?

Walter Feichtinger: Die drei wichtigsten Punkte sind eine klare Zielsetzung, keine zu hohen Erwartungshaltungen und das Bereitstellen der erforderlichen Ressourcen. Die wirkliche Veränderung kann nur von innen kommen. Daher kann man auch nur Vorschläge machen, die von innen akzeptiert und von innen getragen werden.

Hermann Mückler: Es gibt viele Konflikte, bei denen man mit westlichen Ideen, die aus durchaus anspruchsvollen Think Tanks kamen, versucht hat, Konflikttransformation einzuleiten. Dabei wurde auf die Traditionen und Konzepte der Konfliktlösung, die es vor Ort schon über Jahrhunderte gab, sehr wenig acht genommen. Als Kultur-und Sozialanthropologe weiß man, dass man sich über Jahre im Feld aufhalten muss, um überhaupt eine Ahnung zu bekommen, wie Dinge vor Ort funktionieren, wie Akteure wirklich miteinander agieren, oder wer das Sagen hat.

Feichtinger: In Ländern wie Afghanistan oder Mali europäische Vorstellungen zu projektieren, das kann ja wohl nur scheitern. Aber das ist nicht jedem in Europa klar und auch nicht jedem in der UNO.

Sollte man Experten aus unterschiedlicheren Fachbereichen einsetzen?

Mückler: Auf jeden Fall. Wir denken als erstes an Politikwissenschafter und Soziologen, aber je breiter der Zugang ist, desto eher wird es möglich sein, auch den jeweiligen regionalen und lokalen Eigenheiten Raum zu geben. Konflikte tauchen nicht plötzlich auf, sondern haben eine jahrzehnte lange Vorgeschichte, die mit sozialen Verwerfungen zu tun haben, mit sehr speziellen ökonomischen Verhältnissen. Wir schauen allzu oft immer nur auf die Politik.

Welche Grundvoraussetzungen gibt es für internationales Engagement, auch mit Bezug auf die jetzige Situation in Syrien?

Feichtinger: Erfolgschancen hat man nur, wenn es einen Grundkonsens zwischen den zentralen Akteuren im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gibt. Wenn sich die fünf ständigen Mitglieder - China, Russland, Großbritannien, Frankreich und die USA - einigen können, hat man die Chance zu starten und auch einen gewissen Erfolg vor Ort zu erzielen. Das war im Fall Syrien von Anfang überhaupt nicht gegeben. Internationales Krisenmanagement, das Engagement der einzelnen Staaten, basiert vorrangig auf nationalen Interessen und weniger auf gemeinsamen Werten. Das ist eine ganz bittere Pille, die wir bei vielen Fallstudien herausgearbeitet haben. Sie bringen keinen Staat dazu, wirklich wirksam zu werden oder einen Konsens im Sicherheitsrat zu erzielen, weil es zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit kommt. Das ist nicht der Kitt, der Staaten heute dazu bringt, gemeinsam vorzugehen. Sonst hätte man in Syrien ja schon längst etwas machen müssen. Ganz wichtig ist es auch, lokale Kräfte einzubinden. Im Falle Syriens müssen sie einfach die Arabische Liga an Bord haben.

Wie kann man Extremismus und Djihadismus den Boden entziehen?

Feichtinger: Kurzfristig kann man mit polizeilichen Methoden versuchen, den unmittelbaren Kontakt, das Abwandern in das Kriegsgebiet selbst und die Rückkehr unter Kontrolle zu bringen. Hier gibt es eine intensive Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Langfristig geht es darum, wie man das Entstehen verhindern kann. Die Hauptgruppe schlechthin sind hier Junge, die sich unverstanden fühlen und orientierungslos sind. Es gibt unglaublich gefinkelte Methoden, um auf diese Leute aufmerksam zu werden. Social Media ermöglicht eine zielgerichtete Abfrage nach genau solchen.

Wenn eine Vierzehnjährige heute postet, ich bin total unzufrieden, keiner mag mich, dann ist das eine Ansprechperson. Das, was wir aus dem ökonomischen Bereich kennen, dieses Filtern und Identifizieren von potenziellen Kunden, genau das funktioniert auch beim Rekrutieren von Jugendlichen. Es ist primär eine gesellschaftliche Herausforderung, so etwas zu erkennen und Jugendliche dort abzuholen, wo sie gerade stehen und sie in eine andere Richtung zu bringen.

Ein großes Problem ist, dass die Radikalisierung von jungen Menschen nicht in den Moscheen passiert, sondern abseits. Je stärker der Islamische Staat in der Region selbst wird, umso attraktiver ist er auch. Wenn es die Luftschläge der Anti-IS-Koalition nicht gäbe, die vor Kurzem formiert wurde und vielleicht den Fall von Kobane verhindert, dann überrennt der Islamische Staat die Region ja total. Dann reden wir nicht mehr nur von Syrien und dem Irak, dann reden wir auch von Jordanien und vom Libanon. Und es gibt auch schon verschiedene Gruppierungen in den nordafrikanischen Staaten, die sich mit dem IS solidarisieren.

Wie bringt man die internationale Gemeinschaft dazu, bei Krisen zu intervenieren?

Feichtinger: Wir sind eine postheroische Gesellschaft und wir überlegen uns dreimal, Menschenleben für andere zu opfern. Nur für Werte allein soll keiner unserer Söhne sterben. Deswegen halte ich es für etwas perfid, von der Türkei zu erwarten, die Vorgänge in Kobane zu stoppen und selbst zu intervenieren. Man weiß, dass das politisch eine Katastrophe wäre. Sie sollen das Risiko eingehen, damit wir unser Gewissen beruhigen können. Ich glaube nicht, dass wir in absehbarer Zeit eine internationale Koalition zusammenzubringen, die bereit ist, hineinzugehen und den Kampf am Boden zu gewinnen.

Mückler: Unter gegebenen Bedingungen kann man das nicht erzwingen. Auf westlicher Seite kann die USA nicht so viel Druck auf alle Staaten ausüben. Es müsste eine Konstellation gegeben sein, wo die IS so stark wird, dass sich alle gefährdet fühlen.

Feichtinger: Sollte die Türkei angegriffen werden, wird die NATO sie unterstützen. Wir sprechen hier allerdings von Verteidigung. Wenn die Türkei in Syrien einmarschieren würde, wäre das kein Fall für eine "kollektive Verteidigung". Wenn Syrien die Türkei angreift, dann könnte das schlagend werden.

Herrscht in der Ukraine derzeit Krieg oder ist es ein "frozen conflict"?

Feichtinger: Es geht in die Richtung eines frozen conflict. Präsident Wladimir Putin war in der heißen Phase nicht der Gestalter. Es gab eine Verselbstständigung der Autonomen in der Ukraine, auf die er nur reagieren konnte. Jetzt ist Putin ganz froh, dass er sich aus diesem Konflikt zurücknehmen kann, ohne das Gesicht zu verlieren. Eine Niederlage der Separationskämpfe in der Ukraine wäre eine Niederlage für Putin gewesen. Jetzt passiert eine Normalisierung mit kleineren Kampfhandlungen. Das ist nicht der große Krieg. Die russischen Truppen dürften auf dem Rückzug sein.

Man darf jedoch nicht vergessen, was da eigentlich geschehen ist. Hier wurde mit der Halbinsel Krim ein Landesteil annektiert, und das Budapester Memorandum mit Füßen getreten. Das war eindeutig Völkerrechtsbruch, auch die Unterstützung der Ostukraine.

Mückler: Das Verhältnis zwischen EU und Russland wird jetzt einer Neubewertung unterzogen. Man weiß ganz klar, dass vieles schief gelaufen ist. Versprechen sind gebrochen, Abmachungen nicht eingehalten worden. Aufgrund des Atlantischen Bündnisses wird eine Nähe zu den USA konstruiert und dabei vergessen, dass uns auch historisch viel mit Russland verbindet. Russland ist eine Kontinentalmacht, die unmittelbar an Europa grenzt. Zwischen uns und den USA ist noch ein ganzer Ozean. Es würde sehr viel Sinn machen, Russland mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als immer nur die atlantische Achse im Fokus zu haben. Dieser Denkprozess wurde durch den Ukraine-Konflikt ausgelöst.

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