Das System wird kompetitiver

Wie sehen die wissenschaftlichen Karrierechancen von Doktoranden gegenwärtig aus?

WERNER STURMBERGER | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Wie wirken sich die Rahmenbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens auf den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Forschungsbetrieb aus? Im Rahmen eines Forschungsprojekts am Institut für Wissenschaftsforschung der Universität Wien versuchte Ruth Müller gemeinsam mit Ulrike Felt und Max Fochler diese Fragen am Beispiel der Lebenswissenschaften zu beantworten. Da es sich bei den Lebenswissenschaften um ein recht junges Forschungsgebiet handelt, dessen gesamter institutioneller Rahmen quasi von Grund auf neu entworfen wurde, sind an ihnen forschungspolitische Überlegungen besonders deutlich zu erkennen. Darüber hinaus gelten die Lebenswissenschaften auch als "Modellorganismus", an dessen Beispiel sich auch Sozial-und Geisteswissenschaften orientierten sollten, erklärt Müller. Im Gespräch erläutert sie, wie das Arbeiten und das wissenschaftliche Leben in den Lebenswissenschaften aussieht.

Falter Heureka: Wie sieht die Entwicklung in den Lebenswissenschaften aus?

Ruth Müller: Das ist graduell unterschiedlich. Aber wir haben eine stark steigende Zahl an PhD-Abschlüssen, Postdoc-und Gruppenleiterinnen-und -leiter-Positionen. Dennoch gibt es einen ausgeprägten Flaschenhals entlang dieses Karrierewegs. Denn es werden wesentlich mehr PhDs ausgebildet und für eine akademische Karriere sozialisiert, als jemals in der Wissenschaft Platz finden können.

Der Wettbewerb um Positionen steigt?

Müller: Ja, das System wird dadurch kompetitiver. Die Positionen sind auch in der Regel befristet, was den Erfolgsdruck zusätzlich erhöht. Diese Settings verlangen ein sehr hohes Commitment für die Wissenschaft, sowohl emotional als auch zeitlich. Sich parallel auch Alternativen offen zu halten, in andere Bereiche hinein zu schnuppern, erscheint kaum möglich. Darüber hinaus sind viele Wissenschafterinnen und Wissenschafter stark auf das Credo, nur eine wissenschaftliche sei eine lohnende Karriere, eingeschworen.

Was braucht es, um erfolgreich zu sein?

Müller: Es geht nicht nur darum, Karrierekapital, Publikationen mit hohen Impactfaktoren oder Drittmittel zu akquirieren, sondern das auch in möglichst kurzer Zeit zu tun. Zeit, die für etwas anderes als dafür verwendet wird, ist in dieser Logik verlorene Zeit.

Wie ändert sich das Forschen in einem solchen Setting?

Müller: Es ist notwendig, sich relativ früh auf einen Forschungsbereich festzulegen und Forschungsfragen so zu formulieren, dass sie mit dem Publikationswesen zusammenpassen. Es reicht nicht, nach fünf Jahren einmal ein Paper zu veröffentlichen. Man muss regelmäßig publizieren, regelmäßig publizierbare Resultate erzeugen. Die Komplexität und Kreativität von Forschungsfragen wird so tendenziell eingeschränkt.

Was bedeutet das für die Lehre?

Müller: Da in diesem System der Laborgruppen die Produktion von Papers im Vordergrund steht, nehmen Postdocs die Betreuung von PhDs als etwas Zusätzliches wahr. Die Postdocs scheinen auch als Co-Autoren in den Papers der PhDs auf. Das heißt, es gibt eben nicht mehr nur ein Lehr-,sondern auch ein Produktionsziel. Die Logik von Lernen und Produktion ist nicht notwendigerweise deckungsgleich.

Wie verändert dieses Forschungsparadigma die gesellschaftliche Rolle von Forscherinnen und Forschern?

Müller: In diesen hochkompetitiven Settings bleibt nicht mehr viel Zeit für anderes. Gerade internationale Forschende werden von ihren Forschungsinstitutionen aufgesogen und wandern von Land zu Land, ohne sich jemals wirklich mit der Gesellschaft, in der sie arbeiten, beschäftigen zu können. Damit schrumpft die Masse der Akademikerinnen und Akademikern, die als Ressource von Kritik zu zivilgesellschaftlichen Diskursen beitragen könnten. Den einzelnen Forschenden kann man das aber nicht vorwerfen. Das ist ein systemisches Problem.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige