Zukunft ohne Forscherriege?

Ein Informatiker, ein Philosoph und ein Soziologe über die Zukunft der Forschung und ihre schlecht bezahlten Kinder

SONJA BURGER | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Man stelle sich folgende Situation vor: Ein kleines, fahrerloses Shuttle kommt auf einen zu. Man steigt ein. Statt dem Fahrer zu sagen, wo man auf dem Spitalsgelände aussteigen möchte, drückt man auf einen Touchscreen - und los geht's! Fahrerlos sucht sich das Shuttle seinen Weg ans Ziel.

Ein solches Roboter-Shuttle namens NAVIA des französischen Technologieunternehmens INDUCT gibt es bereits. Computer Vision Systems oder künstliche Intelligenz verhelfen neuen Formen von urbaner Mobilität langsam zum Durchbruch. Und die Forschung, ob in Unternehmen oder an Universitäten, schreitet in den hochindustrialisierten Ländern in atemberaubendem Tempo voran - kommt der Mensch da eigentlich noch mit, oder gerät er unter die Räder?

Was man in der Informatik heute macht

"Wer ist zum Beispiel verantwortlich, wenn ein selbstfahrendes Auto in einen Unfall mit Todesfolge verwickelt ist? Programmierende, Herstellende, oder doch die Fahrenden? Wie gehen wir damit in Zukunft um?", fragt Helmut Veith, Informatiker an der TU Wien. Fragen dieser Art tauchen auch rund um Entwicklungen wie "Industrie 4.0" auf, finden meist jedoch wenig Gehör. Gerät also langsam der Bezug zum Menschen aus dem Blickfeld?

"Ganz im Gegenteil", betont Veith, "denn die Informatik ist eine Querschnittswissenschaft, und es gibt kaum Lebensbereiche, die davon unbeeinflusst wären".

Die Zeiten, als sich Informatik bloß damit beschäftigte, wie ein Betriebssystem funktioniert, sind längst passé. Heute und in naher Zukunft sind Antworten auf weit schwierigere, fundamentale Fragen gefordert, die viel mit künstlicher Intelligenz zu tun haben und mehr Risiken und Verantwortung mit sich bringen. Rechtliche und ethische Fragen spielen deshalb im Forschungsfeld Computational Intelligence eine wachsende Rolle.

Neben künstlicher Intelligenz zählt dort auch die Verifikation von Soft-und Hardware zu den Top-Forschungsgebieten. Veith ist darin spezialisiert und befasst sich, einfach ausgedrückt, damit, "wie man Computer in die Lage versetzt, Fehler in Programmen oder Chips zu finden oder zu vermeiden". Ein wichtiger Aspekt, wenn man etwa an das fahrerlose Shuttle denkt, wo solche Fehler zu schweren Unfällen führen können. In dem vom FWF seit 2011 geförderten Nationalen Forschungsnetzwerk "Rigorous Systems Engineering" (RiSE) gelang es, die heimische Grundlagenforschung in diesem Bereich durch die Kooperation von TU Graz, TU Wien, den Unis Linz und Salzburg sowie dem IST Austria weiter zu stärken. Die tiefgreifenden Veränderungen des Alltags und der Gesellschaft durch Informatik sollten aber auch andere Wissenschaftsdisziplinen aufgreifen. Für Veith "wäre dies eine große Aufgabe für die Geisteswissenschaften. Man ist dort oft noch zu sehr beim Roman ,1984' und zu wenig beim Film ,Matrix'."

Die Philosophie bekommt Neues zu tun

Zwar sieht der Philosoph Herbert Hrachovec von der Universität Wien den Fall nicht ganz so drastisch, doch auch für ihn ist der Bereich Technik-und Medienphilosophie ausbaufähig. Wie die Entwicklungen im Forschungsbereich Wissenschaftsphilosophie an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Uni Wien zeigen, soll dort in den nächsten Jahren verstärkt zu Technikphilosophie oder ethischen und politischen Aspekten von Wissenschaft und Technik geforscht werden.

Dies ist freilich nicht das einzige Leuchtfeuer im Feuerwerk, einer spontanen Assoziation von Hrachovec auf die Frage "Wohin geht's in der Forschung?". Diese sei in unterschiedlichste Richtungen verstreut und sehr dynamisch. Was stets für neue Impulse sorge, sei die Konfrontation mit gegenwärtigen Problemen, was laut Hrachovec "die Besten nützen, um daraus eine Lichterscheinung zu machen." Interdisziplinarität, Kooperation sowie die Verzahnung von theoretischer und praktischer Philosophie tragen gleichfalls dazu bei, dass Forschungsbereiche wie die "Philosophie der globalen Welt" oder "Philosophie und Öffentlichkeit" entstehen.

Internationale Kontakte, Vernetzung und eine Orientierung an Themen, die im Moment boomen, führen in der Philosophie zwar zum Erfolg: Langfristig gesehen verlaufen manche Entwicklungen seitens der Forschenden aber offenbar alles andere als ideal. So besteht für Hrachovec etwa wegen der kurzfristigen Arbeitsverträge das Problem, "dass es schwieriger wird, ein neues Forschungsgebiet entstehen zu lassen". Ähnliches beobachtet Veith. Die inadäquate finanzielle Ausstattung der Informatik habe zur Folge, dass junge Forschende gern dem Ruf ins Ausland folgen und die Ausbildung der Studierenden leidet.

Arbeitsforschung gibt es jetzt auch an Universitäten

Wie der Soziologe Jörg Flecker von der Uni Wien mit Schwerpunkt Arbeitsforschung weiß, ist das Arbeitsumfeld in der Forschung ein schwieriges Terrain. Ein Umstand, der für ihn etwa in den Sozialwissenschaften in Kontrast zur gesellschaftlichen Bedeutung der Erkenntnisse steht. Für Flecker, ehemals wissenschaftlicher Leiter der Forschungs-und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA), sind die aktuellen Entwicklungen in der Arbeitsforschung ein positives Beispiel, wie mit vereinten Kräften ein Weg aus der Misere gefunden wurde.

Während sich der Arbeitsforschung früher nur außeruniversitäre Forschungseinrichtungen annahmen, konnte sie sich nun auch auf mehreren heimischen Unis etablieren. Vor Kurzem wurde das Forschungsnetzwerk universitäre und außeruniversitäre Sozialforschung (SOZNET) mit Schwerpunkt Arbeitsforschung gegründet. Derzeit sind die Unis Wien, Linz und Graz sowie FORBA und das Institut für Höhere Studien (IHS) beteiligt. Die Initiative zeigt, dass unter suboptimalen Rahmenbedingungen ein Schulterschluss Sinn macht, etwa um international wahrgenommen zu werden.

Unübersehbar ist hingegen der gleichbleibend harte Konkurrenzkampf um Ressourcen, vor allem finanzieller Art. Flecker warnt davor, dass "überzogene Konkurrenz und Unsicherheit der Qualität mehr schaden als nützen, da Qualifikation und Kompetenz verloren gehen". Besonders Junge müssten oft aussteigen, da sie unter den Bedingungen nicht weiter forschen können.

Für Veith basiert etwa der Erfolg von RiSE auf einer Reihe von Berufungen hervorragender Forschender, doch er betont, "dass es weit länger dauert, Exzellenz aufzubauen, als sie zu zerstören".

Letztlich stellt sich mit Blick auf die Forschenden die Frage, ob es sich Österreich leisten kann, für den exzellenten Nachwuchs zu wenige Ressourcen bereitzustellen und damit seine Karriereperspektiven zu gefährden -man will ja auch in Zukunft auf hervorragende Forschungsleistungen, Preise und internationale Reputation bauen können. Und das geht, anders als im Auto, ohne Menschen gar nicht.

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