Brief aus Brüssel

EMILY WALTON | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Das Studium der Zukunft spielt sich verstärkt im Ausland ab - oder gleich im Cyberspace. Onlinekurse boomen: Oft sind sie gratis und manchmal die einzige Möglichkeit für "normale" Studierende, eine Vorlesung mit einem Star-Professor an einer renommierten Universität zu hören. Gleichzeitig verkündet die EU-Kommission in Brüssel jedes Jahr neue Rekordzahlen, was Erasmus betrifft: Schon wieder haben mehr junge Menschen am Studierendenaustausch teilgenommen als im Vorjahr; wieder plant man, das Programm in den nächsten Jahren auszubauen.

Erasmus-Stipendien und kostenlose Online-Vorlesungen machen das Studium nicht nur reicher an Erfahrungen, sie haben auch einen gemeinsamen Nebeneffekt: Bildung wird zugänglicher, vor allem für jene, die von Haus aus mit weniger Ressourcen ausgestattet sind. Um das zu erreichen, braucht es freilich nicht immer viel Geld oder gleich neue Techniken. Simple Mittel reichen oft, um Bildung zumindest etwas weniger erblich zu machen.

Wie das geht, kann man sich seit Kurzem an der belgischen Universität Leuven ansehen. Seit diesem Wintersemester gibt es Einführungskurse für "Pionier-Studierende". Der schöne Begriff meint all jene, die in ihrer Familie die ersten sind, die in den Genuss einer akademischen Ausbildung kommen. Weil sie keine Eltern oder Geschwister haben, die Erfahrungen aus ihren Universitätstagen weitergeben können, erhalten sie einen kostenlosen, einwöchigen Blitzkurs über das Hochschulleben. Danach sollen sie genauer wissen, was von ihnen erwartet wird -und was die Universität ihnen bieten kann. Sie sollen Grundbegriffe der akademischen Sprache erlernen und ein besseres Gefühl bekommen, ob sie im richtigen Studium gelandet sind.

Wie die Verantwortlichen in Leuven auf diese Idee gekommen sind? Nebensächlich durch Vorbilder unter anderem in den Vereinigten Staaten und in den Niederlanden. Hauptsächlich jedoch durch das Gefühl, dass viele Studierende aus "bildungsfernen Schichten" am Studium scheitern - und zwar nicht, weil sie nicht das Zeug dazu haben, sondern weil sie sich schlechter einleben.

Dass Bildung weniger davon abhängt, was die Eltern gelernt und wodurch sie ihr Einkommen verdient haben, sondern mehr davon, was man sich selbst aneignet, ob im Inland oder im Ausland, ob im Vorlesungssaal sitzend oder zu Hause on-und offline - das wäre eine schöne Vision für die Universität der Zukunft.

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