Kommentar

Wohin geht die Universität?

JÜRGEN MITTELSTRASS | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Die Universität ist längst nicht mehr das, was sie einmal war, nämlich eine kleine, herausgehobene Bildungsinstitution mit Professorinnen und Professoren als Inkarnation der Weltweisheit und der wissenschaftsbegeisterten Studierenden. Abgesehen davon, dass das wohl nie ganz so war, ist hier die Humboldt-Universität beschrieben, jene noch heute mal rhetorisch beschworene, mal als Mythos verächtlich gemachte Universitätskonzeption mit ihren Idealen der "Einheit von Forschung und Lehre" und der "Bildung durch Wissenschaft". Gleichzeitig hat die Universität aber auch ihre Idee verloren, und das Humboldt-Prinzip, das auf eine forschungsnahe Lehre verpflichtete, seine Realität.

Was setzen wir an die Stelle ihrer überkommenen Idee und ihres Prinzips? Bologna, sagen die einen -als ob eine dem bisherigen System fremde Studienstruktur die Frage nach dem Wesen der Universität beantwortete. Gar nichts, sagen die anderen -und sind ganz einfach ehrlich, was leider nicht weiterhilft. Man kann auch mit Illusionen leben, aber von ihnen leben kann man nicht. Deshalb ist auch die Frage, wohin die Uni geht, eine unabweisbare Frage, vor allem in einer Gesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft zu verstehen beginnt.

Eingefangen in wechselnden, oft schier unerfüllbaren gesellschaftlichen Erwartungen, einem Wachstumsprozess ausgeliefert, den sie nicht zu kontrollieren vermag, institutionellen Erosionsprozessen ausgesetzt -alles ist heute Universität, was auf sich hält, alles Forschung, was sucht -, an Ideenlosigkeit leidend, wenn es um das eigene Wesen und die eigene Zukunft geht, sucht die Universität nach einer eigenen Identität und nach ihrem Platz in der Gesellschaft.

Im österreichischen Kontext geht es unter anderem um die Fragen: Wie autonom muss eine Universität sein, um ihren Aufgaben in Forschung und Lehre zu entsprechen? Und wie autonom kann eine Universität als Institution in einer Gesellschaft und unter deren Zwecken sein? Wie lassen sich wohlverstandene Autonomie und gebotene Hochschulpolitik zusammendenken?

Wie stellt sich die erstrebte Einheit eines Hochschulsystems angesichts einer ebenso erstrebten institutionellen Differenzierung dar? Dabei sei bei Beantwortung der Fragen nicht vergessen, dass die Zukunft der Universität auch die Zukunft der Wissensgesellschaft ist, weil die Universität den eigentlichen Kern eines Wissenschafts-und Bildungssystems, auch des österreichischen, darstellt.

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