Was am Ende bleibt

Raketenschlaf

ERICH KLEIN | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Kürzlich traf ich den russisch-israelischen Schriftsteller Alexander Ilitschewski: Der Verfasser von fünf Romanen ist eigentlich Absolvent des renommierten physikalisch-mathematischen Instituts der Moskauer Universität. Ilitschewskis soeben ins Deutsche übersetzter Roman "Matisse", für den er den russischen Booker-Preis erhielt, rekapituliert die Ausbildung an der elitärsten Bildungseinrichtung, die es in der UdSSR gab. Ihr Zweck im Rahmen der Wissenschaftsgroßmacht Sowjetunion war strategischer Natur. Die Absolventen des "Phys-Tech" gehörten jener Wissenselite an, die dem Kommunismus im Kalten Krieg mit den USA gleiche Augenhöhe garantierten. Ihr Selbstverständnis war dementsprechend.

Dass Wissen Macht ist, hielt der englische Philosoph Francis Bacon erstmals in seinen "Meditationes sacrae" fest, der genaue Wortlaut ist: "Nam et ipsa scientia potestas est." Die sogenannte "Lebenswelt" war damit zum Zwecke der Erkenntnisgewinnung überschritten. Um Ideale an den Universitäten scherte man sich in der von Ilitschewski beschriebenen Sowjetunion nicht besonders, auch wenn die darin implizierten Ideale von "Bildung","Weltbürgertum" und "Einheit von Forschung und Lehre" gern beschworen wurden. Ilitschewskis "Matisse" handelt die verbogenen Karrieren der Nachwuchsforscher ab, die teilweise ins westliche Ausland gingen, um weiterhin Wissenschaft betreiben zu können; manche wechselten in die Bankensphäre, um Geld zu verdienen, andere landeten im Gefängnis; der Protagonist Leonid Koroljew fällt als Obdachloser aus allen Zusammenhängen und folgt dem Lauf der Sonne.

Die scheinbar obskure Geheimwissenschaft im Gefolge des Sonnentrajektoriums ist eine Erfindung des Romanciers, der während seiner Studienzeit etwas nicht weniger Skurriles erlebte. Sowjetische Studenten ließen anstelle des Militärdienstes die sogenannte "Militärfakultät" über sich ergehen. Im Fall des Ballistikers Ilitschewski, der bis heute Reserveoffizier der strategischen Luftabwehr der russischen Armee ist, war das eine Art Praktikum in den Bombenschächten der rund um Moskau stationierten Interkontinentalraketen. "Das Ganze war außerordentlich langweilig, weshalb ich einmal im Inneren einer SS-18 ,Satana'-Rakete einschlief. Deren Sprengköpfe wären geeignet gewesen, halb Amerika in Schutt zu legen." In Russland ist das Leben doch ein Roman.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige