Kommen nun die Barfuß-Ärzte?

Der Versuch, in Deutschland Bachelor-Master-Studien in der Medizin einzuführen, scheitert am Widerstand der Ärzte. Und in Österreich?

DIETER HÖNIG | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Das Thema "Bachelor und Master" weckt im medizinischen Bereich heftigste Emotionen. In Österreich derzeit noch hinter vorgehaltener Hand, in Deutschland in aller Öffentlichkeit. Von "Schmalspurärzten und Discount-Medizin" ist die Rede. Aber auch flotte Sprüche, die man bisher nur vom Fußball kannte, wie etwa "Barfuß-Mediziner" sind zu hören. Sind Österreichs und Deutschlands Medizinerinnen und Mediziner reformunwillig oder einfach nur standesbewusst?

Der Bologna-Prozess ist für alle Studiengänge, die mit Staatsexamen abschließen, eine enorme Herausforderung. Bisher war das Medizinstudium auf die staatlichen Prüfungen am Ende der Studiendauer ausgerichtet, ein qualifizierter Ausstieg war nicht möglich. Die mit dem Bologna-Prozess einhergehende Flexibilisierung und Modularisierung des Studiums und die damit verbundenen Qualifikationen sind die Herausforderungen.

Berufsverbände sehen sich bedroht

"Sie wurden aber von den Berufsverbänden bisher weniger als Chance denn als Bedrohung empfunden, gegen die man Widerstand leisten müsse", berichtet Reto Weiler, Rektor der Medizinischen Universität Oldenburg. Dort hatte man bereits 2012 vergeblich einen Modellversuch des Reformstudiums gestartet.

Gemäß Universitätsgesetz ist es auch in Österreich seit Herbst 2012 möglich, ein bereits bestehendes Medizinstudium auf das Bologna-Modell umzustellen. Gesetzlicher Zwang dazu bestehe jedoch nicht, meint Karin Gutiérrez-Lobos, die Vizerektorin für Lehre an der MedUni Wien. Für neu einzurichtende Studien ist das Bachelor-Master-Studium allerdings verpflichtend, wie etwa an der neuen Medizinischen Fakultät in Linz. Diese vierte MedUni Österreichs muss von Anfang an ein Bachelor-Master-Studium anbieten.

In Wien wird zurzeit eine Reform des seit zwölf Jahren existierenden Wiener-Medizin-Curriculums erarbeitet. Das Bologna-Modell wird zur Sprache kommen, jedoch als offener Diskussionsprozess und nicht als zentraler Punkt. "Voraussetzung für die Einführung ist, dass diese von allen Beteiligten unterstützt wird, eine organisatorische Anpassung erfolgt und die Finanzierung gesichert ist", zerstreut Karin Gutiérrez-Lobos Bedenken ihrer Kolleginnen und Kollegen, man würde über sie "drüberfahren". Eines der Hauptargumente gegen das Bologna-Modell: Es sei ein Top-Down-Prozess, der nicht mit den Lehrenden akkordiert ist. Er würdige die Besonderheiten der Medizin im Verhältnis zu anderen Disziplinen zu wenig. Diese Sicht wird von zahlreichen Ärztinnen und Ärzten an der MedUni Wien geteilt - wenn auch hinter vorgehaltener Hand.

Gutiérrez-Lobos kennt auch weitere Unkenrufe aus der medizinischen Community. So sei die Trennung in Vorklinik und Klinik ein Rückschritt in alte Zeiten. Es käme zu einer "Ärzteausbildung light", die unzulänglich ausgebildete Arbeitskräfte schaffe. In Österreich seien, so Gutiérrez-Lobos, immer gleich die Interessenvertretungen zur Stelle, wenn Änderungen drohen. Sie verweist auf die medizinische Fakultät in Linz: "Was dort am wenigsten oder gar nicht diskutiert wurde, war die gesetzlich vorgegebene Bologna-Architektur. Diese wurde widerspruchslos von allen angenommen."

Neue Impulse für Medizinberufe

Für schwieriger als die Einführung des Reformstudiums hält die Vizerektorin der MedUni Wien die Umstellung des Studiums. Sie versteht die Einwände wie die Frage nach dem Sinn der Einführung eines Bologna-konformen Medizinstudiums, oder: Wenn so wenige Studierende das Studium abbrechen, macht es da überhaupt Sinn, eine Zweiteilung vorzunehmen?

"Die gemeinsame Ausbildungsstrecke von Gesundheitsberufen ist eine spannende Vision, die Synergien schaffen könnte und Potenziale für künftige Anforderungen und den Wandel des Gesundheits-und Pflegesystems verspricht", meint Gutiérrez-Lobos. Wichtig sei es, alle Beteiligten, Studierende sowie Lehrende, von Anfang an einzubeziehen. Gutiérrez-Lobos stimmt auch Oldenburgs Rektor Reto Weiler zu, wenn dieser dazu rät: "Besser die Vorreiterrolle übernehmen, als am Ende zu Getriebenen zu werden."

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