Wohin geht es mit den Universitäten?

Geht es in Richtung Ökonomisierung der Hochschulausbildung? Dies wurde auch bei der Konferenz des Österreichischen Wissenschaft srates zum Thema erörtert

WERNER STURMBERGER | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Bologna den Prozess machen!", forderten Studierende im Herbst 2009. Hintergrund der bundesweiten Protestwelle waren die Auswirkungen der Implementierung des Universitätsgesetzes von 2002 (UG 2002). Darin erhalten sind die Bologna-Richtlinien sowie die darüber hinausreichende Neuorganisation der universitären Leitungs-und Entscheidungsstrukturen und die Hochschulautonomie Rechtsverbindlichkeit.

Für viele Studierenden schienen sich die Befürchtungen, die man mit Bologna verband -kurz gesagt eine neoliberale Umstrukturierung der Hochschulen -, zu bewahrheiten. Außerdem wurden Hoffnungen enttäuscht, etwa hinsichtlich einer größeren sozialen Durchlässigkeit. Gleichzeitig brachte die Implementierung des UG 2002 ein bereits zuvor angespanntes System an seine Leistungsgrenzen. Die Unis konnten oft Bedürfnisse der Studierenden nicht mehr erfüllen. Kritik richtet sich auch gegen die chronische Unterfinanzierung, eine Verschulung und Überfrachtung der Curricula und die Nichterreichung der Bologna-Ziele in puncto Mobilität, Vergleichbarkeit der Abschlüsse und Verbesserung der Lehre.

Helga Nowotny, Wissenschaftsforscherin und ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrates, sagt dazu: "Der Bologna-Prozess ist besonders in den deutschsprachigen Ländern in verzerrter Weise umgesetzt worden. Statt die Freizügigkeit und Mobilität für Studierende zu erhöhen, ist es zu kleinlichen Einschränkungen an vielen Universitäten gekommen. Hier sollte ein Befreiungsschlag einsetzen.,Bologna' lässt nämlich viel mehr Freiräume zu, als diejenigen zugeben wollen, die den Prozess für ihre eigenen Zwecke nutzen."

Diese Freiräume auszuloten, würde aber eine breite Debatte über die gesellschaftliche Rolle und Form der Universitäten im 21. Jahrhundert erfordern. Mit dem Abklingen der Studierendenproteste ist das Thema aber aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.

Forschung als Produktivitätsfaktor In ökonomischer Hinsicht steht die Bedeutung der Universitäten nicht infrage. Nowotny beschreibt sie für die Forschung folgendermaßen: "Die Produktion von neuem wissenschaftlichem Wissen, Technologien und methodischen Zugängen bleibt das zentrale Element für die Zukunft und wird auch weiterhin die Dynamik des Wirtschaftswachstums wesentlich mitbestimmen."

Eine völlige Vereinnahmung wissenschaftlicher Forschung muss man nicht befürchten. Die Wissenschaft folgt noch immer einem Eigensinn. Sie hat aber mittlerweile erkannt, dass der Jargon des Ökonomischen bei Forschungsförderungsanträgen oder der Einwerbung von Drittmitteln die Erfolgschancen erhöhen kann. Doch an die Drittmittel-Finanzierung, die aufgrund stagnierender Budgets unverzichtbar geworden ist, knüpfen sich neue Fragen: Wie lässt sich die Unabhängigkeit der Forschung wahren? Wie verhindert man eine Privatisierung von öffentlich finanzierter Forschung?

"Das Problem sind nicht Drittmittel an sich, sondern wofür und wie sie vergeben bzw. eingeworben werden und welche positiven Anreize an den Universitäten für die Einwerbung jener Drittmittel gesetzt werden, die mithelfen, ihr Profil zu schärfen und ihre Stärken zu betonen. Ein kluger Umgang mit der Verwertung von Wissen, das an Universitäten erzeugt wird, ist sicher auch nützlich", meint Nowotny.

Bildung oder Ausbildung?

Die Dokumente des Bologna-Prozesses beziehen sich positiv auf die Lissabon-Strategie und deren Ziel, Europa zum "wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt" zu machen. Dazu spielt neben der Forschung auch die Lehre eine vitale Rolle: "Universitäre Studien zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie Bildung in einem umfassenderen Verständnis vermitteln", meint Christa Schnabl, Vizerektorin für Lehre an der Universität Wien. "Insofern bin ich optimistisch, weil ich davon überzeugt bin, dass gerade universitäre Studien die Studierenden auf einen sich rasch verändernden, dynamischen Arbeitsmarkt vorbereiten."

Ulrike Felt, Wissenschaftsforscherin und Dekanin der Fakultät für Sozialwissenschaft, weist auf die Bedeutung einer entsprechenden Form der Lehre hin: "Im Umfeld einer sich stark verändernden Arbeitswelt stellt sich die Frage, wie man Bildung organisieren muss, um Menschen Lernfähigkeit in einem epistemologischen Sinn beizubringen."

Und Julia Freidl, Generalsekretärin der ÖH, sagt dazu: "Ich studiere an der WU. Der Lehrplan ist stark kanonisiert und besteht ausschließlich aus Mainstreamökonomie. Es gibt keinen Platz, um sich mit anderen Büchern und Theorien zu beschäftigen." Für die Zukunft wünscht sie sich "mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung". Ein Anfang wäre die Wiedereinführung freier Wahlfächer. Längerfristig sei eine größere Mitgestaltungsmöglichkeit an den Curricula wünschenswert.

Ein System, in dem das bloße Sammeln von ECTS-Punkten und nicht mehr die inhaltliche Auseinandersetzung im Vordergrund steht, sei "Betrug an den jungen Leuten", gab Konrad Paul Liessmann, Philosoph an der Universität Wien, anlässlich der Präsentation seiner Bildungsstreitschrift zu bedenken: "Sie befinden sich dann nicht an einer Universität, sondern in einer Zertifizierungsagentur."

Die Bedeutung der Lehre

Während die Bedeutung von Forschung und Ausbildung kontinuierlich steigt, verändert sich das Verhältnis dieser beiden Bereiche. Benchmarking und Rankings bewerten vor allem die Publikationsleistung einer Universität, daher gewinnt die Forschungstätigkeit für die Karriere an Bedeutung. Gerade Jungen in "exzellenten" Wissenschaften gilt alles, was nicht der Publikationstätigkeit dient, als verlorene Initiative.

Gleichzeitig lässt sich aber auch eine Aufwertung der Lehre beobachten. Eine Studie der deutschen Hochschulrektorenkonferenz spricht von einer Zunahme der Lehrtätigkeit in den letzten Jahren. Ob das eine willentliche oder notwendige Aufwertung war, lässt sich schwer abschätzen. Immerhin stieg in Österreich die Zahl der Studierenden zwischen 2002 und 2012 um knapp 100.000 auf rund 300.000.

"Die Einheit von Lehre und Forschung wie im Humboldtschen Universitätsmodell muss grundsätzlich gegeben sein, wollen wir vom Hochschultyp Universität sprechen", sagt Elmar Pichl, Leiter der Hochschulsektion im Wissenschafts-und Wirtschaftsministerium. Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner wünscht sich ein Betreuungsverhältnis von 1:30. Die Uni Wien erreicht aktuell einen Schnitt von 1:250.

Dass dennoch gute Gründe bestehen, die Einheit von Forschung und Lehre aufrechtzuerhalten, bezweifelt kaum jemand. Es sind aber neue Modelle notwendig: "Man muss darauf achten, dass die Studierenden immer wieder mit forschenden Professorinnen und Professoren Kontakt haben", sagt Wissenschaftsforscherin Felt. Es sei faktisch so, dass auch Lehrende an Stellen, die wenig Forschungstätigkeit vorsehen, forschend tätig sind -nur eben kaum im Rahmen ihrer Anstellung. Gleiches gilt auch für viele externe Lektorinnen und Lektoren, die in manchen Studienrichtungen einen Großteil der Lehrtätigkeit übernehmen. Die prekären Arbeitsverhältnisse der Lektoren und Lektorinnen erschweren allerdings stabile und kontinuierliche Betreuungsverhältnisse.

Wissenschaft und Demokratie

Das UG 2002 hat die Administrations-und Entscheidungsstrukturen innerhalb der Universität umgestaltet und "die Macht in der Universität den Führungsorganen gegeben und den Gremien genommen. Aus der sich demokratisch nennenden Universität wurde per Gesetz eine monokratische Organisation, ohne dass je darüber gesprochen wurde, warum", schrieb die scheidende Vizerektorin für Forschung, Susanne Weigelin-Schwiedrzik, jüngst in einem Kommentar in der Tageszeitung Der Standard.

Dass die Koppelung von Leitungs-und Entscheidungsstrukturen weder den Idealen noch der Realität einer Universität gerecht wird, zeigt die Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Verhältnissen. Heinrich Schmidinger, Präsident der Universitätenkonferenz und Rektor der Universität Salzburg, kam im Rahmen der Tagung des Österreichischen Wissenschaftsrats zum Thema auf Konflikte in universitären Leitungsgremien zu sprechen, vor allem im Kontext der Besetzung der Universitätsräte seit des Inkrafttretens des UG 2002. Er wünscht sich eine klare Rollen-und Kompetenzverteilung zwischen Rektorat, Universitätsrat und Senat, gibt aber gleichzeitig zu bedenken: "Gegenüber der Kommunikationskultur an einer Universität ist die strukturelle und formalisierte Governance nachgereiht." Er sieht ein "beträchtliches kommunikatives Defizit" in den Auseinandersetzungen zwischen Gremien und Amtsträgerinnen und Amtsträgern.

Nachbessern am UG Es gelte daher intern, aber auch bei der Weiterentwicklung des UG 2002 mehr auf die Behebung von Mängeln in der Kommunikation und der Partizipation zu achten. Andernfalls würde der Governance-Struktur des UG 2002 weiterhin "das Odium anhaften, keine Demokratie zu enthalten, einzelne Gruppen zu entmachten und von jeglicher Partizipation auszuschließen", sagt Schmidinger.

Doch Kommunikationskultur lässt sich nicht verordnen. Das haben die Erfahrungen mit der Drittelparität und ihrer formal verbrieften Mitbestimmung gezeigt: Inhaltlicher Austausch wurde häufig durch bloße Mehrheitsentscheidungen ersetzt. Wie die Studierendenproteste zeigten, hat das UG 2002 mit dem formalen Rückbau studentischer Mitbestimmung die Rahmenbedingungen für eine vitale Kommunikationskultur eher verschlechtert als verbessert.

Von einer Hochschuldemokratie, wie sie sich die ÖH wünscht, sind die österreichischen Universitäten im Moment weit entfernt. Studierende, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie externe Lektorinnen und Lektoren sind in den Gremien der Universität unterrepräsentiert. Könnte nicht eine Reform der Entscheidungsstrukturen eine von budgetären Vorgaben unabhängige Möglichkeit zur Verbesserung der Lern-und Arbeitssituation vieler an ihr Tätiger ermöglichen und eine stärkere Bindung zwischen den Studierenden und ihrem Studium entstehen lassen?

Autonom, aber unterdotiert "Universitäten haben eine Entwicklung von nachgeordneten Dienststellen des Ministeriums zu autonomen Einrichtungen vollzogen, die mit einem definierten mehrjährigen Globalbudget unabhängig von Zurufen aus Politik und Wirtschaft agieren können", sagt Vizerektorin Christa Schnabl über die Implementierung der Hochschulautonomie im Rahmen des UG 2002.

Dass die Universitäten an Autonomie gewannen, ist, anders als deren Ausmaß, unstrittig. Festgemacht wird das Budget der Universitäten in den Ziel-und Leistungsvereinbarungs-(sprich Budget-)verhandlungen mit dem Ministerium. Das ist auch das Forum, in dem die Bundesregierung ihre bildungs-, forschungs-und wirtschaftspolitischen Interessen deponieren kann. Zurufe goutiert sie selten. Fraglich ist auch, wie sehr die gegenwärtige Budgetierung unabhängiges Agieren ermöglicht: Österreichs Ausgaben für den tertiären Bildungssektor liegen mit etwa 1,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt noch immer deutlich unter dem OECD-Schnitt.

Elmar Pichl, Leiter der Hochschulsektion, nennt die Budgetierung der Unis "passabel". Helga Nowotny jedoch spricht von einer "bestehenden Finanzierungslücke", und Vizerektorin Schnabl möchte, dass die Bundesregierung ihr Bekenntnis zu zwei Prozent des BIP auch verwirklicht. Für die Zukunft wünscht sie sich eine kapazitätsorientierte Studienplatz-und eine staatliche Forschungsfinanzierung.

Geregelter Hochschulzugang Kapazitätsorientierung meint die Einführung von Zugangsbeschränkungen, wenn ein bestimmtes, mit dem Ministerium vereinbartes Kontingent an Studienplätzen überschritten wird. Während die ursprünglich daran geknüpfte Studienplatzfinanzierung weiter auf sich warten lässt (aktuell wurde sie auf 2018 vertagt), wird im Ministerium über eine Ausweitung der Zugangsbeschränkungen auf weitere Fächer nachgedacht. Mittlerweile gelten für 35 Prozent aller Studienanfängerinnen und -anfänger Zugangsregelungen. Teilweise sind diese aber inaktiv, wie etwa beim Publizistikstudium, da der "Andrang" unter der Kontingentierung liegt. Im Medizinstudium kommen dagegen auf 1.500 Studienplätze rund 10.000 Bewerberinnen und Bewerber.

Zugangsbeschränkungen sind in der hochschulpolitischen Diskussion einmal umstritten, dann wieder common sense. Im UN-Sozialpakt ist jedenfalls das Recht auf Bildung als Menschenrecht formuliert: Der Hochschulunterricht müsse "auf jede geeignete Weise, insbesondere durch allmähliche Einführung der Unentgeltlichkeit, jedermann gleichermaßen entsprechend seinen Fähigkeiten zugänglich gemacht werden" (Artikel 13, Absatz 2, Buchstabe c des UN-Sozialpaktes). Daraus ließen sich eventuell Zugangsbeschränkungen zur Sicherstellung von Befähigung wie beim Sport-oder beim Kunststudium ableiten, nicht aber eine aufgrund beschränkter Ressourcen. Die aktuellen Zugangsregelungen sind aus dieser Perspektive zumindest fragwürdig.

Laut einer Studie der ÖH hätten die ersten Erfahrungen mit Zulassungsregelungen eine abschreckende Wirkung gezeigt. "Die Kontingente der Unis bleiben in vielen Studienrichtungen ungenutzt. Bestehende soziale Selektionsmechanismen haben sich dadurch verstärkt", sagt Julia Freidl.

Das fehlende Geld Selbst wenn man Hochschulbildung nur als Humanressourcenaufwertung im Rahmen einer wissensbasierten Ökonomie denkt, bleiben Zugangsbeschränkungen als einzige Lösung zur Herstellung guter Betreuungsverhältnisse an den Universitäten problematisch, weil sie eben dieser Aufwertung im Weg stehen.

Nachvollziehbar sind sie hingegen im Kontext der aktuellen Budgetsituation von Universitäten und Bundesregierung: "Aufgrund der Ressourcenproblematik ergibt sich automatisch auch eine Steuerungsproblematik", erklärte Minister Reinhold Mitterlehner jüngst in einer Presseaussendung. "Daher werden wir auch in Zukunft über Zugangsregelungen und einen gesamtösterreichischen Entwicklungsplan diskutieren müssen. () Das ist auch eine Frage der Effizienz und des respektvollen Umganges mit Steuergeld."

Die Ursachen dieser Ressourcenproblematik stammen aus der Wirtschaftskrise und wurden durch die Hypo-Rettung verschärft. Diese scheint nun die rasche Umsetzung des Zwei-Prozent-Ziels zu gefährden.

Neue Leistungsvereinbarungen Im April dieses Jahres hatten mehr als 50.000 Menschen die von Helga Nowotny initiierte Petition zur adäquaten finanziellen Ausstattung von Unis, Wissenschaft und Forschung unterzeichnet. Die Reaktion von Öffentlichkeit und Politik glich der eines Studierenden, der die "Snooze"- Taste an seinem Wecker betätigt. Aufwachen sollte man aber in den nächsten Wochen, wenn das Ministerium, nach Rücksprache mit dem Österreichischen Wissenschaftsrat, einen ersten Vorschlag für den Universitätsentwicklungsplan vorlegen wird. Spätestens im nächsten Jahr wird das Thema wieder auf der politischen Agenda und im öffentlichen Rampenlicht stehen. Denn dann sind die Ziel-und Leistungsvereinbarungsverhandlungen fällig.

Sie werden auch darüber Aufschluss geben, welche Bedeutung die Bundesregierung dem tertiären Bildungssektor beimisst. Elmar Pichl vom Ministerium spricht von zusätzlichen 615 Millionen Euro. Diese würden die Universitäten im Zeitraum 2016 bis 2018 benötigen, um dem Status quo ihres bisherigen Leistungsspektrums aufrecht zu erhalten. Aber Wissenschaft kann auch nicht nur unter rein ökonomischen Gesichtspunkten bewertet werden.

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