Haidingers Hort der Wissenschaft

Kampfboden Universität

MARTIN HAIDINGER | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Reden wir hier doch einmal über die vielfach glorifizierte Vergangenheit der Universität und wie es damals den an ihr Lehrenden und Studierenden so ergangen ist.

Es war im Jahr des Herrn 1414, also vor exakt 600 Jahren. Damals ließ die katholische Rechtgläubigkeit in Form des Konzils von Konstanz den als Häretiker bezichtigten Jan Hus auf dem Scheiterhaufen verbrennen -auf der Brühl an der Stadtmauer der Bodensee-Metropole.

Vorangegangen waren jahrelange, wüste Raufereien zwischen der Glaubensgemeinschaft tschechischer Früh-Nationalisten und den deutschen, ultramontanen Romtreuen, deren Umzug nach Leipzig die Prager Universität zerrissen hatte. Eine Grundlage für die Verurteilung von Jan Hus in Konstanz waren übrigens Gutachten der damals noch jungen Universität Wien gewesen.

Nicht nur in theologischen Angelegenheiten bildeten die Expertisen von angesehenen Hochschullehrern (damals alle männlich) die Grundlage für einschneidende Urteile, die Legitimation für Verurteilungen und oft genug einen Vorwand für Gewaltanwendung. Das war damals auch an der Universität Wien nicht anders. Deren soziale Dynamik war bereits im 15. Jahrhundert eine raue.

Im Wiener Studentenkrieg, einem "gar wilden Geräuf", wie es in alten Berichten heißt, krachten 1479 die klerikalen Studenten der "Lilienburse" und die freisinnigen der "Rosenburse" aufeinander. Der blutige Streit aperte erst aus, als der Rädelsführer der "Rosen" Christian Voigt fertig studiert hatte und hinterher zum Biedermann mutiert war: Er war zu einem Wiener Ratsherren geworden, also zu einem Kommunalpolitiker

Die Alma Mater Rudolfina, wie sich die Universität Wien auch nennt, blieb in ihrer Geschichte ein Kampfboden -auch jenseits zivilisierter Diskussionen.

Zu vielen Zeiten regierten neben dem intellektuellen Disput der Denkschulen an der Universität auch billiger Aktionismus und sogar Fäuste und Knüppel -egal, welche jeweiligen tatsächlichen oder vermeintlichen politischen Mehrheitsverhältnisse unter den Studierenden auch herrschten. Und erfahrene Hochschulforscherinnen und Hochschulforscher wissen, dass das bei Weitem nicht nur für Zeiten galt, da Diktaturen Land und Universität unterdrückten. Totalitäre Fantasien und Ideen, die dann in tätige Intoleranz übergingen, konnten sich nicht zuletzt auch in akademischen Szenen freizügigerer Zeiten ausbilden.

Wie gesagt - Vergangenheit, nicht wahr? Freuen wir uns lieber auf die Zukunft der Universität.

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