Keine arbeitslosen Akademikerinnen

gibt es in der Schweiz. In Deutschland hingegen kämpft man mit einem Überschuss an Hochgeschulten. Und in Großbritannien gehen sie infolge von Studiengebühren zurück

CLAUDIA STIEGLECKER | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Wenn Studierende einst Diplomprüfungen oder Staatsexamina abgelegt haben, geht es heute für Bachelors oder Masters in spe um die Erlangung von "European Credit Transfer System"-Punkten. Aktuell 47 europäische Staaten beteiligen sich am Bologna-Prozess, der eine Harmonisierung der Hochschullandschaft erreichen will. Ein einheitlicher europäischer Hochschulraum soll es werden, in dem Mobilität, internationale Wettbewerbs-und Beschäftigungsfähigkeit gefördert werden.

Deutschland: Die Grenzen zwischen Uni und FH verschwimmen Die Zukunft hat an den europäischen Universitäten Einzug gehalten und sieht doch, trotz aller Vereinheitlichungen, überall anders aus. "In Deutschland wird von den Universitäten immer mehr erwartet, dass sie zukunftsweisende Forschung leisten und forschungsnah lehren", sagt der Literaturwissenschafter und ehemalige Rektor der Uni Konstanz, Gerhart von Graevenitz.

"Der Akademisierungsgrad in Deutschland wird immer höher. Die Studierenden wissen, dass ein akademischer Abschluss die prozentuell höchste Garantie für einen Arbeitsplatz bedeutet." Diese Entwicklung berge allerdings das Risiko eines Fachkräftemangels. Ein großer Teil jener, die sich für ein Studium entscheiden, wäre in einem Handwerksberuf besser aufgehoben. "Viele meinen aber, man müsse Akademikerin oder Akademiker sein." Auf der anderen Seite werden die Anforderungen der Berufe zunehmend komplexer: Wo früher, etwa bei Erziehern und Erzieherinnen, eine Seminarausbildung genügt hat, führt heute der Weg direkt in die Hochschule.

"Auch die Grenze zwischen Fachhochschule und Universität verschwimmt zunehmend", beobachtet Gerhart von Graevenitz.

Die Zukunft der Hochschulen liegt seiner Meinung nach aber in der Differenzierung: "Nicht jede Hochschule muss alles anbieten, sondern im Gegenteil Schwerpunkte setzen."

Die größte Herausforderung für die deutschen Universitäten sieht von Graevenitz jedoch in ihrem Umgang mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs. Denn die Risiken durch ausschließlich befristete Verträge sind in einer Lebensphase, in der unter anderem die Gründung einer Familie aktuell wird, nicht abschätzbar. Die Situation habe sich hier massiv verschärft: "Es gibt keine vernünftigen Alternativen, die Menschen werden hin-und hergeschoben. Hier muss Verantwortung übernommen und gefragt werden: Wie viele Doktorinnen und Doktoren braucht das Land?"

Schweiz: Immer mehr nicht hier Geborene studieren an der Uni

Mit solchen Problemen kämpft man in der Schweiz nicht. Zwar ist auch hier der Karriereweg auf der Uni langwierig, jedoch wird dieser von den meisten erst gar nicht eingeschlagen. "Die Alternativen zur Unikarriere sind in der Schweiz sehr gut, die Wirtschaft floriert", sagt Martin Fischer, Leiter der Kommunikation des Eidgenössischen Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation in Bern. "Bei uns gibt es keine arbeitslosen Akademikerinnen oder Akademiker."

Und auch keine Massenuniversitäten: Zwei von drei Schweizerinnen oder Schweizern entscheiden sich nach der Schule für den Weg der Berufsbildung. "Der Hochschul-und der Berufsbildungsweg sind gleich attraktiv", erklärt Fischer. Kein Zufall, sondern unter anderem das Ergebnis gezielter Förderungsmaßnahmen und Informationskampagnen von Bund und Branchenverbänden: "Hier wird um Talente gekämpft, denn wer Nachwuchs will, muss ansprechende Bedingungen bieten."

Dennoch ist in den letzten Jahren auch in der Schweiz die Attraktivität des Studiums gestiegen, was statistisch nachweisbar mit der hohen Zuwanderung aus der Europäischen Union zusammenhängt. "Die Kinder mit Migrationshintergrund gehen eher an die Uni", erklärt Fischer. "Fünfzig Prozent aller Doktoranden und Postdocs an Schweizer Hochschulen kommen nicht aus dem Land."

Als potenziell problematisch sieht Fischer das Ergebnis der Volksabstimmung "Gegen Masseneinwanderung" im Februar dieses Jahres, bei der sich eine knappe Mehrheit für die Beschränkung der Zuwanderung aussprach. "Das Hochschulwesen kann davon betroffen sein, je nachdem, wer im Endeffekt ins Land gelassen wird."

Ab 2015 tritt außerdem ein neues Hochschul-und Koordinationsgesetz in Kraft, das im Hinblick auf das in der Schweiz erfolgreich praktizierte Konkurrenzprinzip zwischen den öffentlichen Hochschulträgern von Interesse ist. "Grundsätzlich zahlt der Bund für alle Studierenden einen Pro-Kopf-Beitrag an jene Institution, für die sich jemand entscheidet", erklärt Fischer. Je attraktiver eine Hochschule, desto mehr zusätzliche Mittel hat diese zur Verfügung. Regelten bislang zwei separate Gesetze die Bundeshilfe an die kantonalen Universitäten und Fachhochschulen, wird es nun noch eine Grundlage dafür geben: "Ziel ist eine bessere Gesamtsicht und mehr Transparenz unter Bewahrung der Trägerautonomie."

Großbritannien: Studieren kostet nun Geld, daher studieren weniger

In Großbritannien haben es die Studierenden schon seit dem Wintersemester 2012/2013 mit veränderten Bedingungen zu tun: Bis zu 9.000 britische Pfund, das sind aktuell etwa 11.400 Euro, müssen sie an Gebühren für ein Studienjahr fortan kalkulieren. Zur Finanzierung des Studienplatzes gibt es die Möglichkeit eines Kredits, der nach Abschluss der Ausbildung und ab einem Gehalt von 21.000 Pfund jährlich zurückzuzahlen ist. Im September 2012 sank die Zahl der vergebenen Studienplätze dadurch um 50.000, ein Minus von 6,3 Prozenten.

"Die Einführung der Gebühren macht sich bei inländischen Studierenden eher im Post-Graduate-Bereich bemerkbar", sagt Kerstin Mey, Dekanin für Medien, Künste und Design und Professorin für Gegenwartskunst an der University of Westminster sowie Mitglied des Österreichischen Wissenschaftsrates. "Besonders im Post-Graduate-Bereich fehlt es an finanziellen Unterstützungsmaßnahmen. Bei der Aussicht, mit einer hohen Verschuldung das Studium zu beenden, entscheiden sich weniger für ein weiterführendes Masterstudium."

Dadurch, dass in Großbritannien kein systematisches und flächendeckendes Berufsausbildungssystem existiert, ist ein Studium aber trotzdem attraktiv.

Generell hätten sich im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte die Studienbedingungen stark verändert, meint Mey. "Es hat einen Wechsel von intensiver Betreuung hin zu Massenuniversitäten gegeben. Der Arbeitsaufwand der Lehrenden hat sich sehr verstärkt, so bleibt auch weniger Zeit für die Forschung."

Prekär sei besonders die Situation des akademischen Nachwuchses, die von Zeitverträgen, häufigen Stellenwechseln und Unsicherheit geprägt ist. "Die Entwicklungsmöglichkeiten für Akademikerinnen und Akademiker müssen durchlässiger und sichtbarer gemacht werden."

Universitäten und Hochschulen müssten auch auf die Veränderungen der Arbeitswelt reagieren: "Flexibles Arbeiten und flexible Berufsentwicklungen werden in Zukunft nicht mehr die Ausnahme, sondern die Norm sein", betont Mey. Schlussendlich gehe es darum, qualifizierte, kritische, kreative und engagierte Weltbürgerinnen und Weltbürger auszubilden.

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