Freistetters Freibrief

Keine Schule!

FLORIAN FREISTETTER | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Der Wechsel von der Schule zur Universität sollte mehr als ein Ortswechsel sein. Als ich 1995 mein Studium begann, war das auch der Fall. In der Schule gab es einen fixen Stundenplan. In der Schule war alles vorgegeben, an der Universität war sehr viel mehr Eigeninitiative gefragt. Im Studienplan meines Faches war damals im Wesentlichen nur festgeschrieben, welche Disziplinen ich in welchem Ausmaß zum Erreichen eines Magistertitels absolvieren musste. Zum Beispiel 40 Semesterwochenstunden Physik während des ersten, vier Semester dauernden Studienabschnitts. Aber welche Vorlesungen ich im Detail besuche, war weitestgehend mir allein überlassen. Man musste sich selbst darum kümmern, das zu lernen, was man wissen musste, um eine Diplom-und später eine Doktorarbeit zum gewünschten Thema schreiben zu können.

Heute erhalten die Studierenden meist komplette Stundenpläne, in denen genau festgelegt ist, welche Vorlesungen wann absolviert werden müssen. Der Ablauf eines Bachelor-und Masterstudiums ist genauso vorgegeben wie früher das Lernen in der Schule. Das ermöglicht es den Studierenden natürlich, ihr Studium schneller zu beenden. Aber es verhindert, dass sie echte Wissenschafterinnen oder Wissenschafter werden. Wer forschen will, muss lernen, selbstständig zu denken und selbstständig zu lernen. Wer etwas herausfinden will, was zuvor noch niemand herausgefunden hat, kann sich dabei nicht an vorhandenen Lehrplänen orientieren. Man muss selbst die Fähigkeiten identifizieren können, die man sich aneignen muss, um ein Forschungsvorhaben zu bewältigen. Und man muss das Risiko eingehen, sich dabei zu irren und erst auf Umwegen zum Ziel zu gelangen.

Die Universität darf nicht zur Schule werden! Zumindest dann nicht, wenn es weiterhin ihr Ziel ist, nicht nur möglichst schnell gut qualifizierte Fachkräfte für die Wirtschaft zu produzieren. Wenn die Universität auch in Zukunft Wissenschafter hervorbringen möchte, die in der Lage sind, zu wirklich neuen Erkenntnissen zu gelangen, und Forschende, die unser Wissen um die Welt vergrößern, dann muss sie ihren Studierenden die Möglichkeit geben, selbstständiges Denken zu lernen. Echte Wissenschaft ist mehr als das Abarbeiten vorgegebener Lehrpläne.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simple

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