Ist das Internet die Zukunft der Unis?

Online-Kurse kommen modernen Lerngewohnheiten entgegen - aber lösen sie das Problem der Lehre an Universitäten?

BARBARA DURAS | aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Wenn Studierende heute aufstehen, dann haben sie meist schon 17 Mails gelesen, ein Video auf youtube gesehen, gechattet und etwas auf Facebook gepostet, bis sie schließlich zur Vorlesung in die Universität kommen. Im Hörsaal sind sie bereits so gesättigt, dass es ihnen sehr schwer fällt, einfach zu sitzen und zuzuhören", sagt Oliver Vornberger. Er ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Informatik an der Universität Osnabrück und war Vortragender bei der 10-Jahres-Tagung des Österreichischen Wissenschaftsrates im vergangenen November.

Aktuell hat er seinen ersten selbst kreierten Massive Open Online Course, kurz MOOC, zum zweiten Mal für seine Studierenden zugänglich gemacht.

"Diese neue, spezielle Form von Onlinekursen kommt den Seh-und Lerngewohnheiten der jungen Menschen sehr entgegen. Allerdings sind sie für Lehrende und Teilnehmende mit einem enormen Aufwand verbunden", sagt er.

Hochwertiges Lehrmaterial Für seinen MOOC "Algorithmen und Datenstrukturen", ein klassisches Erstsemesterprogramm für alle naturwissenschaftlichen Studiengänge, die Grundkenntnisse der Programmiersprache erlernen möchten, hat er viele Stunden mit dem Schreiben von Drehbüchern und den Aufnahmen vor der Kamera verbracht.

"Bereits seit zehn Jahren biete ich als Serviceleistung für meine Studierenden diese Lehrveranstaltung als herkömmliches Video zum Download an. Wir sind durch unsere Sehgewohnheiten jedoch eine gewisse Abwechslung gewöhnt, zum Beispiel bei den Kameraeinstellungen. Zudem sollte ein hochwertiger MOOC keine Redundanzen oder Versprecher beinhalten und die Inhalte präzise auf den Punkt bringen."

Sein Onlinekurs ist nun kompakter, in 45-minütige Kapitel gegliedert und aus kurzweiligen Takes bestehend, die sich mit Powerpoint-Folien oder Multiple-Choice-Fragen abwechseln. "So muss man am Ball bleiben und ist gezwungen mitzudenken. Weiter kommt nur derjenige, der alle Fragen richtig beantwortet hat."

Für die Studierenden besteht die Herausforderung darin, sich einmal die Woche aufzuraffen und freiwillig mit dem MOOC auseinanderzusetzen. "Ich glaube, das Material der MOOC ist didaktisch hochwertiger als eine konventionelle Vorlesung im Hörsaal. Aber es verlangt sozusagen übermenschliche Willenskräfte, einen Onlinekurs zu einem beliebigen Zeitpunkt zu besuchen."

Vorreiter des Hypes rund um die neuen elektronischen Lehrmethoden sind amerikanische Elite-Universitäten wie Harvard oder Stanford. Und natürlich private Anbieter, vornehmlich aus Kalifornien, die sich ein gutes Geschäft erhoffen. Erste Testläufe der renommierten Privatuniversitäten mit MOOC hatten riesige Teilnehmerzahlen von über 100.000 Studierenden in einem Kurs.

Lehrende durch MOOC ersetzen?

"MOOC sind für diese Bildungseinrichtungen nicht nur innovativ, sondern auch ein zusätzlicher Absatzmarkt. Ein Onlinekurs kostet für die Studierenden nur ein Viertel oder ein Zehntel der regulären Studiengebühr. Damit können amerikanische Universitäten ihre Lehre weiter kommerzialisieren und neben dem Luxusmarkt eine zweite, kostengünstige Schiene bedienen", sagt der Soziologe Manfred Prisching von der Universität Graz und Mitglied des Österreichischen Wissenschaftsrates.

Kann sich also bald jede und jeder die begehrten Zertifikate von Elite-Universitäten leisten?"Unter Unis mit guter Reputation wird im Moment diskutiert, ob man sich wirklich den eigenen Ruf zerstören will, indem man billige Versionen für den Massenmarkt anbietet. Das Ursprungsprodukt könnte ebenfalls an Wert verlieren, wenn man Zertifikate in Massen verschleudert. Ein Bildungsangebot, das nur ein Zehntel kostet, ist vielleicht in der öffentlichen Wahrnehmung auch nur ein Zehntel so gut", gibt Prisching zu bedenken.

Ein weiteres Zukunftsszenario rund um MOOC: Bildungseinrichtungen könnten sich auflösen, gar überflüssig werden, und tausende Hochschullehrer ihre Jobs verlieren, da alles nur mehr auf der virtuellen Ebene abläuft. "Diese Variante ist für mich unrealistisch. Jedoch denke ich, dass Vorlesungen mit einigen hundert Personen überflüssig sind. Und wenn in Wien oder auch Graz Kinosäle zur Übertragung von Lehrveranstaltungen angemietet werden müssen, weil zu wenig Platz vorhanden ist, kann man das wirklich durch elektronische, örtlich ungebundene und besser vorbereitete Alternativen ersetzen."

Senkung der Durchfallquoten Wir stehen mit der digitalisierten Wissensvermittlung erst am Anfang. Erste Studien über webbasierte Vorlesungen zeigen, dass dadurch bei Einführungsveranstaltungen die Durchfallquoten gesenkt werden können. In kommerzielle Onlineplattformen wie "Coursera" oder "Udacity", auf denen Lehrende Erklärvideos veröffentlichen, werden Millionen investiert. Oliver Vornberger hat sich von "Iversity", einem europäischen Portal, inspirieren lassen. Alle Onlinekurse von iversity.org sind weltweit kostenlos verfügbar. Die Bandbreite der Themen reicht von Medizin über Informatik bis zu Physik, Design und Philosophie. Lehrenden soll so ermöglicht werden, ihre Reichweite auszudehnen.

"Mein MOOC zu Algorithmen und Datenstrukturen könnte an verschiedenen Universitäten für Erstsemestrige angeboten werden. Finanzielle oder räumliche Probleme könnten mit der Entrichtung eines gewissen Betrages für das Copyright leicht gelöst werden. Es ist eine bestechende Idee, doch bekanntlich benutzt ein Professor eher die Zahnbürste eines Kollegen als dessen Unterrichtsmaterial. Es sollte mich wundern, wenn das eine Universität macht."

Da noch keine Qualitätsstandards für MOOC existieren, hat sich Vornberger einer altbekannten Bildungswährung bedient. "Damit der Wert von Anfang an klar ist, habe ich mir von der Studienkommission meines Fachbereichs an der Universität Osnabrück bestätigen lassen, dass nach einer erfolgreicher Teilnahme sechs ECTS-Credits vergeben werden. Das entspricht einem Workload von 180 Stunden Arbeit."

Mogeln bis der Doktor kommt?

Auch der Soziologe Manfred Prisching sieht Qualitätsunterschiede und das Zertifizierungsproblem von MOOC "Es gibt noch eine Menge Kurse, bei denen in primitivster Form Vorträge einfach abgefilmt werden. Und wenn zigtausende Studierende nur online lernen, bleibt die Frage, wie ich überprüfbare Tests abhalten kann. Ich weiß ja nie, wer da wirklich vor dem Computer sitzt."

"Proctored Exams" bieten eine Möglichkeit zur validen Überprüfung von online abgelegten Prüfungen, meint Oliver Vornberger. "Für unseren MOOC gab es die Möglichkeit, eine Online-Klausur abzulegen. Die Überwachung dieser Tests haben wir an einen Proctoring Service ausgelagert. Ein Mitarbeiter kann über die Webcam überprüfen, wer an der Tastatur sitzt und bittet die Teilnehmenden stichprobenartig ihr Zimmer mit der Webcam abzufilmen. Da ist dann schon kriminelle Energie nötig, um trotzdem zu mogeln."

Die ECTS Credits erhält allerdings nur, wer auch zur Klausur nach Osnabrück kommt. Manfred Prisching meint dazu: "Kein Onlinekurs wird je die wissenschaftliche Praxis ersetzen können."

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