"Vorreiterrolle übernehmen!"

aus HEUREKA 6/14 vom 03.12.2014

Der Rektor der Medizinischen Universität Oldenburg und Mitglied des Österreichischen Wissenschaftsrates, Reto Weiler, zum Bologna-Prozess für das Medizinstudium.

Falter Heureka: Herr Weiler, warum stößt der Bologna-Prozess gerade in der Medizin auf so heftigen Widerstand?

Reto Weiler: Die mit dem Bologna-Prozess einhergehende Flexibilisierung und Modularisierung des Studiums und die damit verbundenen Qualifizierungen sind eine besondere Herausforderung. Sie wurden aber von den Berufsverbänden weniger als Chance denn als Bedrohung gesehen, gegen die man Widerstand leisten müsse. Dieser fokussierte sich vor allem auf den Bachelor-Abschluss als Qualifikation zur Berufsausübung. Man war dann schnell mit Vorurteilen wie Barfuß-Ärzten zur Hand und machte damit jeden kleinsten Ansatz einer vernünftigen Diskussion über zukünftige Berufsfelder im Gesundheitswesen zunichte.

War auch Standesdünkel mit im Spiel?

Weiler: Unterschwellig spielte sicher auch die Furcht der Standesorganisationen vor einer Akademisierung der Gesundheitsberufe eine wichtige Rolle. Traditionell sind die Gesundheitssysteme in Deutschland und Österreich hierarchisch aufgebaut. Eine breite Akademisierung im medizinischen Bereich würde ein solches System zumindest infrage stellen.

Haben sich die Gemüter in Deutschland inzwischen beruhigt?

Weiler: Von einer echten Beruhigung kann keine Rede sein. Nach wie vor gibt es keine Möglichkeit der Einführung eines deutschen Bachelor-und Mastergrades in der Medizin. Die European Medical School Oldenburg-Groningen vergibt zwar Bachelor-und Masterdiplome, aber nur niederländische. Gleichzeitig offeriert sie die Möglichkeit eines deutschen Staatsexamenabschlusses. Nach wie vor gibt es aber keine ernsthafte Diskussion über mögliche Berufsfelder für Bachelor in der Medizin.

Wo sehen Sie die größten Vorteile der Modellstudiengänge?

Weiler: Die Verbindung von einem problemorientierten Lernen hin in strukturierten Modellen ist zweifelsohne der wichtigste Durchbruch in der Ausbildung und hat sich in der Praxis als großer Erfolg erwiesen. Die damit aufgehobene Trennung zwischen vorklinischer und klinischer Ausbildung hat nicht nur für das Verständnis elementarer Zusammenhänge von molekularbiologischen Vorgängen und Entstehung von Krankheitsbildern neue Zugänge geschaffen, sondern auch für das Verständnis des Menschen als Patientin oder Patienten und damit für das Arzt-Patient-Verhältnis.

Was würden Sie Österreichs Medizinern und Medizinerinnen empfehlen?

Weiler: Es liegt mir fern, Ratschläge zu geben. Grundsätzlich würde ich mir jedoch wünschen, dass die Berufsverbände und die medizinischen Universitäten eine Vorreiterrolle in der Gestaltung eines Gesundheitssystems übernehmen.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige