Zappelphilipp oder Therapiefall?

Sonja Burger | aus HEUREKA 1/15 vom 08.04.2015

Die Stimmung am Familientisch ist bedrückend, der Vater schaut streng und die Mutter verstummt, während ihr Sohn, besser bekannt als " Zappel-Philipp" aus dem Kinderbuch "Der Struwwelpeter", griesgrämig mit dem Sessel schaukelt. Die Folgen sind bekannt: Der Vater im Zorn und das Kind unter Tischtuch, zerbrochenen Tellern und Essen begraben. Der Verfasser des Buches, das 1845 erschien, war der deutsche Psychiater und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann. Er gilt als einer der ersten Vertreter der Kinderpsychiatrie.

Reaktion auf Trennung, Mobbingoder Gewalterfahrungen?

Zeigt ein Kind ein Symptom wie dieses, steht dann gleich fest, ob eine psychische Störung vorliegt?"Nein", sagt Hedwig Wölfl, Psychologin und Leiterin der Kinderschutzzentren "die möwe"."Denn gerade bei Kindern sind die Ursachen für solche Ausdrucksweisen oder Symptome sehr unterschiedlich und müssen als Hinweise für ein Problem ernst genommen werden. Sie bedeuten aber nicht unbedingt, dass eine psychische Erkrankung vorliegt." Klagen Peter und Rudi etwa beide über unspezifische Schmerzen oder ändert sich ihr Sozialverhalten, kann das beim einen die Reaktion auf eine Trennung sein. Und beim anderen auf Mobbingoder Gewalterfahrungen. Fest steht, dass Kinder und Jugendliche ihre seelische Not immer zum Ausdruck bringen.

Die Ausdrucksformen sind altersabhängig. So treten Essstörungen oder Selbstverletzungen meist erst im Jugendalter auf. Zwischen Symptom und Ursache muss also sehr genau unterschieden werden. Ob das Kind behandlungsbedürftig ist oder bereits eine krankheitswertige Störung vorliegt, sollten Fachleute beurteilen. "Je nach Ursache ist ein Kind dann etwa in einer Rainbows-Gruppe, einem Kinderschutzzentrum oder in der Kinderpsychiatrie besser aufgehoben", betont die Psychologin.

Die Versorgung in der Kinderpsychiatrie ist unzureichend

Leider herrscht ein eklatanter Mangel an Therapieplätzen und Kassenärzten zur Erstversorgung. Auch gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Beides wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP) kritisiert. Wie stark Angebot und Bedarf auseinanderdriften, weiß auch Katharina Purtscher-Penz. Am Landeskrankenhaus Graz Süd-West leitet sie die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

An Krankenhäusern mangelt es ihrer Einschätzung nach generell an Diagnostik-und Abklärungsambulanzen. Die Versorgungssituation sei in allen Teilbereichen der Kinder-und Jugendpsychiatrie nach wie vor unzureichend. An ihrer Abteilung gibt es eine zusätzliche Tagesklinik für schulbezogene Störungen. "Wir haben derzeit acht Therapieplätze. Im Vergleich zum tatsächlichen Bedarf ist das aber zu wenig. Die Warteliste ist lang."

Ist das nur eine Phase, oder braucht das Kind Hilfe?

Bei Kindern und Jugendlichen wird in Österreich generell zuerst auf Psychotherapie gesetzt: Heilpädagogik, Sozialtherapie, Ergotherapien, das Spektrum ist breit. Nur wenn nötig und erst nach sorgfältiger Indikation sollte eine medikamentöse Behandlung eingeleitet werden.

Doch schon lange bevor es zur Diagnose kommt, können Eltern gegensteuern. Vorausgesetzt, dass sie zum Kind oder Jugendlichen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben und die nötige Aufmerksamkeit mitbringen.

Wie schwierig das sein kann, illustriert die Darstellung der Eltern im "Zappel-Philipp" ja sehr gut. Damals wie heute stehen Eltern vor der Frage: Ist das nur eine Phase, oder braucht es Hilfe? Für Wölfl hat sich hier ein Spannungsfeld zwischen Bagatellisierung und Dramatisierung aufgetan.

Wie viele Kinder sind in Österreich "behandlungsbedürftig"?

Wie viele Kinder und Jugendliche in Österreich "behandlungsbedürftig" sind, war bislang nicht bekannt. Das ändert sich nun mit der ersten österreichweiten, repräsentativen Studie. Daran wirkt auch Julia Philipp, Ärztin und Forscherin an der Universitätsklinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien mit.

An der vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger finanzierten Studie "MHAT - Epidemiology of mental health problems in Austrian teenagers" ist das Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research beteiligt. 3.600 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und achtzehn Jahren nahmen teil. Derzeit befindet sich das Ganze in der Abschlussphase.

"Wir sind die Ersten, die emotionale Auffälligkeiten wie Ängste oder Depressionen genauso wie Verhaltensauffälligkeiten, zum Beispiel Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsprobleme, in einer repräsentativen Stichprobe österreichweit erhoben haben", berichtet Philipp. Die große Stichprobe erlaubt es, Auffälligkeiten auch nach Geschlecht, Alter oder Schultyp abzubilden. Ein Vergleich der Bundesländer ist nicht vorgesehen.

Von den bisherigen Ergebnissen war Philipp nicht überrascht. Mit einer Gesamtauffälligkeit von siebzehn Prozent liege Österreich, genauso wie Deutschland, im europaweiten Mittelfeld. Wegen der unterschiedlichen Erhebungsmethoden sind Vergleiche allerdings schwierig. Experten siedeln das Mittelfeld bei fünfzehn bis zwanzig Prozent an. "Allerdings sind nicht alle Kinder und Jugendliche, die auffällig waren, auch behandlungsbedürftig. Der Bedarf nach Präventionsmaßnahmen ist demnach groß", schließt Philipp.

Zehn bis dreißig Prozent der Kinder traumatisiert

Prävention ist ein zentraler Aspekt, um die psychische Gesundheit von Kindern und von Jugendlichen zu erhalten und zu fördern. Resilienz und individuelle Verletzlichkeit fallen allerdings genauso ins Gewicht. Einer der größten Risikofaktoren ist Gewalt in jeder Form.

"In jeder Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie werden im stationären Bereich zwischen zehn und dreißig Prozent traumatisierte Patienten behandelt", sagt Katharina Purtscher-Penz. "Spezielle Ausbildungen seitens der Mitarbeiter, etwa in Psychotraumatherapie und Traumapädagogik, sind eine wichtige Voraussetzung für die Behandlung. Weiters muss endlich die ambulante Psychotherapie durch kassenfinanzierte Therapieplätze in ausreichendem Maß zur Verfügung gestellt werden", fordert sie. Gerade sexuelle Gewalt könne in jeder sozialen Schicht vorkommen, genauso wie emotionale Vernachlässigung.

Mit der Rolle von Armut als Risikofaktor befasst sich der aktuelle, noch unveröffentlichte 6. Bericht zur Lage der Kinder-und Jugendgesundheit der Österreichischen Liga für Kinder-und Jugendgesundheit. "Je mehr Risikofaktoren aufeinandertreffen, desto größer ist die Gefahr, dass Auffälligkeiten entstehen, und umso wichtiger ist die Prävention", sagt Philipp. Wo etwa psychische oder körperliche Erkrankungen in der Familie vorliegen, bestünden gute Chancen, dass Interventionen eine Wirkung haben.

Hedwig Wölfl leitet bei der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit das Projekt "Frühe Hilfen -Modellregion Wien". Dabei werden Eltern bereits zu Beginn bei ihrer Aufgabe unterstützt. Eine frühe Sensibilisierung für psychische Gesundheit kann schon in der Schwangerschaft beginnen. Die Folgen von einer Verschleppung der Problematik sind für die Betroffenen oft auch noch als Erwachsene spürbar. Eine schlechte Versorgungslage trägt das ihre dazu bei.

Anders als im "Zappel-Philipp" gezeigt, kann also durch Achtsamkeit und Füreinanderdasein in jeder Familie der Grundstein für psychische Gesundheit gelegt werden.

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