Archäologie

Rettung für "kleine Puppen"

Mit einer neuen Technik werden Jahrtausende alte Felsgravuren, die Pitoti in Valcamonica digitalisiert

Sonja Dries | aus HEUREKA 1/15 vom 08.04.2015

Als die Bewohner des Valcamonica Tals in Norditalien vor 6.000 Jahren Bilder von Reitern, Kämpfern und Hirschen in den weichen Kalkstein ritzten, konnten sie sich wohl kaum vorstellen, dass ihre Darstellungen Jahrtausende später mithilfe von Drohnen, 3D-Scannern und Algorithmen archiviert und analysiert würden.

Wissenschafter rund um das von der EU finanzierte Projekt "3D Pitoti" haben sich genau das zur Aufgabe gemacht. Federführend sind dabei neben den Universitäten Cambridge und Nottingham auch die FH St. Pölten und die TU Graz. Bis zu 300.000 Felsgravuren bilden die größte Fundstelle für Petroglyphen in Europa. Die nach dem regionalen Begriff für "kleine Puppen" Pitoti genannten Kunstwerke verschwinden langsam und werden nun in einer bisher einzigartigen Verarbeitungskette digitalisiert.

Mitarbeiter der TU Graz bilden das ganze Tal momentan mittels eines neuen Multi-Scale Ansatzes ab. Ein 3D-Scanner erfasst die einzelnen Figuren mit einer Zielgenauigkeit von 0,1 Millimeter. Mit Drohnen und aus Flugzeugen wird der Rest des Tals aufgenommen. Die gesammelten Daten werden zu einem Gesamtbild verbunden.

Die FH St. Pölten ist für die darauffolgende Analyse zuständig. "2.500 Pitoti wurden zunächst händisch mit Filzstift auf eine Folie übertragen und kategorisiert", wie Markus Seidl, einer der Projektleiter von der FH, erklärt. Ein extra entwickeltes "Machine-Learning"-Verfahren machte es dann möglich, die Daten in einen Computer einzuspeisen, der die restlichen Pitoti automatisch erkennen und kategorisieren kann. Auch der Pecking-Stil wird analysiert, um Rückschlüsse auf die Produktion der Bilder zu ziehen.

Neben Akquise und Analyse der Daten steht als dritter Teil der digitalen Verarbeitung die Präsentation der Ergebnisse im Vordergrund. Davon profitiert einerseits die Wissenschaft - Forscher können die Pitoti künftig unter Laborbedingungen untersuchen, ohne vor Ort sein zu müssen. Andererseits soll das UNESCO-Welterbe auch einem breiten Publikum durch eine Ausstellung mit Multimedia-Installationen, Touchscreens und Animationen zugänglich gemacht werden. Denn wie lange die Pitoti noch im Original zu sehen sein werden, kann man auch dank neuester Technik nicht sicher voraussagen.

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