Forschung an Fohlen für Autisten

Untersuchungen an "Dummy-Fohlen" könnten neue Erkenntnisse bei der Entstehung von Autismus liefern

Sonja Dries | aus HEUREKA 1/15 vom 08.04.2015

Drei bis fünf Prozent der neugeborenen Fohlen weisen ein so genanntes Fehlanpassungssyndrom auf. Diese "Dummy-Fohlen" sind nach der Geburt desorientiert, haben keinen Trinkreflex und erkennen oft ihre eigene Mutter nicht. Lange wurde als Ursache Sauerstoffmangel während der Geburt vermutet.

Da sich die Fohlen jedoch nach einem gewissen Zeitraum oft wieder komplett von dem Syndrom erholen, begann John Madigan, Professor für Veterinärmedizin an der UC Davis in Kalifornien und Experte für neonatale Medizin, genauere Untersuchungen. Schnell fokussierte er seine Forschung auf eine Gruppe neuroaktiver Steroide, Hormone, die während der Trächtigkeit vom Fohlen produziert werden, um sich im Mutterleib ruhig zu verhalten. Sie wirken wie ein Beruhigungsmittel, da zu viel Bewegung des Fohlens die Mutterstute in Gefahr bringen würde.

Nach der Geburt muss das Fohlen aber sofort zu vollem Bewusstsein kommen, um in kürzester Zeit vor potenziellen Angreifern flüchten zu können. In der Zeit zwischen dem Eintritt in den Geburtskanal und der tatsächlichen Geburt wird also eine Art biochemischer Schalter umgelegt.

Madigans These war es, dass der Druck, der während der Geburt ausgeübt wird, das Signal für das Fohlen ist, die Ausschüttung der neuroaktiven Steroide zu stoppen und "aufzuwachen". Madigan und sein Forschungsteam konnten nachweisen, dass neuroaktive Steroide im Blut der Fohlen mit Fehlanpassungssyndrom auch nach der Geburt weiter nachweisbar waren, ihr Pegel teilweise sogar stieg. Auch gesunde Fohlen, denen die Hormone infundiert wurden, wiesen kurzfristig die Symptome des Syndroms auf.

Gestützt auf diese Ergebnisse, entwickelte Madigan eine Methode, bei der er ein Seil mehrmals um den Oberkörper des Fohlens schlingt und dann Druck auf das Tier ausübt. Das Fohlen legt sich nach kurzer Zeit hin und scheint zu schlafen. Nach ungefähr zwanzig Minuten wird der Druck gelöst und das Fohlen erwacht. In vielen Fällen standen die Tiere auf und begannen sofort bei der Mutter zu trinken. Auf diese Ergebnisse wurde auch Isaac Pessah, Professor für Molekularbiologie und Fakultätsmitglied am UC Davis Mind Institute, einem internationalen Forschungszentrum mit Spezialisierung auf neurologische Entwicklungsstörungen, aufmerksam.

"Es gibt tausende potenzielle Gründe für Autismus, aber die eine Sache, die alle Autisten gemein haben, ist ihre Distanziertheit gegenüber der Umwelt", sagt Pessah, der hier die Verbindung zu den Dummy-Fohlen sieht. Ihn fasziniert die Vorstellung, dass Madigans Konzept des gestörten Übergangs von einem quasi sedierten zu einem wachen Zustand des Fohlens in Zusammenhang mit Autismus stehen könnte.

Eine neu gebildete komparative Forschungsgruppe, bestehend aus Veterinären, Ärzten, Epidemiologen und Grundlagenforschern, führt nun weitere Untersuchungen in diesem Bereich durch. Eine Studie stellte bereits einen erhöhten Level an Neurosteroiden bei Kindern mit Autismus fest. Die Theorie, dass der neuroaktive Steroidhaushalt des Kindes Hinweise auf Autismus liefern kann, wird nun weiter geprüft.

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