Oralerotiker

Sie nuckeln sich durch Alltag und Urlaub: In Zügen, Autos, auf der Straße und in Büros und Hörsälen saugen Menschen an ihren Plastikflaschen, als ginge es um ihr Leben. Geht es das?

Ulrike Kadi | aus HEUREKA 1/15 vom 08.04.2015

Es sieht so aus, als wären inzwischen Menschen jeden Alters auf sie angewiesen: Kaum hat man einen Platz im Hörsaal, in einem Konferenzraum oder in einem Bahnabteil ergattert, werden die Flaschen ausgepackt. Zwischen Laptops, Notizheften und Federpenalen thronen sie: die wohlgeformten Plastikgefäße, deren Inhalt bequem wie aus einer Babyflasche herausgesaugt werden kann.

Die Babyflasche als ständige Begleiterin im Alltag

Die meisten Besitzer geben sie nicht aus der Hand oder behalten sie zumindest im Auge. Und wenn Auge und Hand für anderes benötigt werden, lässt sich das kostbare Gut in eigenen Abteilen von Rucksäcken, Handtaschen und Fahrradkörben ständig mitführen.

Babyflaschen für Erwachsene sind eine nicht nur hierzulande verbreitete Modeerscheinung. Bevor sie wieder verschwinden, verraten sie etwas über die Kultur, in der sie auftauchen. Die Flaschenmode fügt sich einem Trend zur Oralisierung. Und damit sagt sie etwas: Der Mund ist wichtiger geworden als je zuvor.

Was bedeutet diese Entwicklung für unsere Psyche? Lässt sie sich mit anderen soziokulturellen und individuellen Phänomenen in Verbindung bringen? Was war vor dem Mund? Und vor allem: Was kommt nach ihm?

Zeitgenössische Formen der Oralisierung

Zunächst ist wenig erstaunlich, dass mit der Oralisierung auch die Aufnahme in den eigenen Körper zu einem zentralen Punkt der öffentlichen Auseinandersetzung geworden ist. Was darf hinein? Was muss draußen bleiben? Antirauchergesetzgebung, Verordnungen über Nahrungsmittelkennzeichnungen, Cholesteringrenzwertbestimmungen und viele andere Vorgaben eines medikalisierten Dispositivs sind ängstlich auf die Schwelle des Mundes gerichtet.

Der Übergang zwischen einem Außen und einem Innen des Körpers bedarf, so scheint es, der verstärkten Bewachung. Die Vorstellung, dass etwas Schlechtes in den Körper hineinkommen könnte, beunruhigt in einem solchen Ausmaß, dass auch einschneidende politische Festlegungen von Mehrheiten akzeptiert werden.

Diesen Maßnahmen gegenüber - und dabei durchaus eng mit ihnen verbunden - steht eine raffinierte Kultivierung sinnlicher Erfahrung, die über Mund, Augen und andere Körperöffnungen gemacht wird. So lassen sich Weine in den letzten Jahrzehnten im Supermarkt kaum noch in der Doppelliterflasche kaufen, sondern hauptsächlich in der Bouteille. Verfeinerung ist angesagt. Weinkenntnis kann sich nicht allein auf den Namen des Weinguts, auf die Herkunftsregion oder den Jahrgang beschränken. Sondern es ist Fachwissen über die Geschmacksaromen am Gaumen, auf der Zunge oder beim Abgang verlangt.

Angepeilte alimentäre Orgasmen (Rado) bestimmen auch das Verhältnis zu festen Nahrungsmitteln. Wer dabei ans Sattwerden denkt, liegt daneben. Foodies wissen: Nicht Sättigung ist angesagt, sondern der würdevolle Umgang mit kreativen Kompositionen. Sie entstehen unter Verwendung von ausgewählten Produkten -zum Beispiel Amaranth, Chia oder Meyer-Zitronen. Sie sind unbekannten oder vergessenen Rezepten verpflichtet. (Erinnern Sie sich noch an den Batzlguglhupf?) Es werden spezielle Gewürze verwendet. (Haben Sie schon einmal etwas von Sumach gehört?) Unerwartete Orte wie Kirchen oder Weingärten bilden das Ambiente. Und gekocht wird am besten nur von Sternen-und HaubenköchInnen.

Allgegenwärtige Food-Fotografie macht deutlich, dass nicht nur die Speisen selbst, sondern auch (deren) Bilder sättigen können. Platzprobleme für die Zurschaustellung bestehen heute keine mehr. Was ehemals in große Rahmen als Stilleben gebannt werden musste, bevölkert heute Plakatwände, Wochenendbeilagen von Tageszeitungen und Hochglanzmagazine. Es wird in Fernsehkochsendungen hergezeigt, auf Küchenblogs genüsslich dokumentiert, oder in Postings auf der Facebookseite geteilt. Es gibt keine speisefreien Zonen mehr. Essen ist überall.

Die Appetitlosen und die Depressiven

Doch nicht alle haben Lust zu essen. Manchen ist sie vergangen. In den letzten Jahrzehnten ist die Depression zu einer Volkskrankheit geworden. Jede vierte Frau und jeder achte Mann erkranken im Laufe ihres Lebens an einer ausgeprägten, wenn auch nicht immer als solche erkannten Depression. Sie verlieren Lust, Interessen und oft den Appetit, verzichten freiwillig auf Kontakt mit ihrer Umgebung, und viele können überhaupt nicht mehr schlafen.

Sie haben nicht nur Sorgen, sondern sie machen auch welche: Da sie oft teilweise oder ganz arbeitsunfähig werden, müssen ausgeklügelte Sozialversicherungs-und Pensionssysteme neu überdacht werden. Die Depressiven beschäftigen das Arbeitsmarktservice. Nicht wenige hängen fest in Schuldenfallen, die einen (Wieder-)Einstieg in ein Erwerbsleben für sie dauerhaft unrentabel erscheinen lassen. Und schon allein durch ihre Anzahl warnen sie laut und deutlich vor dem Verlieren in einer vorwiegend auf finanziellen Gewinn ausgerichteten Glücksgesellschaft, als würden sie zu bewusstem oder unbewusstem Widerstand aufrufen.

Ein Teil ihrer unzweifelhaft unangenehmen Symptome (wer verliert schon gerne sein Interesse an allem?) vertritt jene Seite der modernen Psyche, die genug von allem hat: das erschöpfte Selbst (Alain Ehrenberg). Beratungs-und nicht selten therapieresistent, geriert es sich als Vertreter einer trotzigen Gegenkultur. Anstelle eines in der heutigen Arbeitswelt nahezu selbstverständlichen Tatendrangs, einer unausgesprochen vorausgesetzten Handlungskompetenz oder eines unbändigen Selbstermächtigungsbestrebens scheint es lieber der Abhängigkeit zu fröhnen. Als würde sich hier ein unmodernes Subjekt melden, das in seiner heillosen Unheilbarkeit einem zeitgeistigen Glücksversprechen Paroli zu bieten versucht.

Die Gier und das Ende des Wonnesaugens

Die Depression, die Flaschenliebe und die Forcierung oraler Genüsse - sie alle verweisen auf einen gemeinsamen Ort früher psychischer Entwicklung: den Mund. Vor dem Mund gab es nichts anderes. Die allererste Bezugnahme auf Liebesobjekte erfolgt über diese Öffnung: Wonnesaugen, Spucken, Küssen und Beißen sind Aktionen, mit denen sich bereits für Neugeborene libidinös wie kannibalisch geprägte Formen der Lust verknüpfen. Lieben kann da nur eines heißen: einverleiben. Psychisch bleibt auch später etwas von der frühen Gier: Was wir lieben, wollen wir ganz in uns haben. Dabei ist nicht nur der Mund als Zone erotischer Aktivität leitend, auch die Augen helfen mit. Ihre Aufnahmefähigkeit, ja Gefräßigkeit ist legendär. Wir können mit unseren Blicken jemanden verschlingen.

Freilich verwandelt sich unsere primäre Gier. Wir lernen nicht nur mit Messer und Gabel zu essen, sondern wir sehen unser Gegenüber als Partner, ja als Gast. Tischmanieren und Esskulturen geben unserem Liebesleben ein zivilisiertes Äußeres. Unsere Lust kann auch auf Erwachsen machen.

Aber was, wenn das geliebte Objekt verloren geht? Dann ist Trauer angesagt. Der Schatten des Objekts fällt auf unser Ich (Freud). Trauer ist - anders als dies moderne, psychiatrische Klassifikationen nahelegen -eine keineswegs patho-logische, sondern logische Folge eines Verlusts. Trauer ist unvermeidlich, denn schon die erste Entwöhnung von Flasche oder Brust kennzeichnet einen Abschied. Die Depression oder Melancholie (Freud) entsteht dort, wo Trauerprozesse steckengeblieben sind: Es wird an der Einverleibung eines längst verschwundenen Objekts festgehalten.

Mit den Flaschen in unseren Taschen können wir einiges lockerer nehmen: ein Schluck, der jederzeit verfügbar ist, lässt uns so manchen Verlust leichter verschmerzen. Er kann freilich auch die Hoffnung nähren, niemals ohne das Ding im Mund sein zu müssen. Eine kulturelle Oralisierung rückt unsere erste Form von Liebe ins Zentrum. Nicht überall wird aus gieriger Verschlingung ein Gastmahl werden. Die Möglichkeit besteht aber immerhin.

Tipp

Sigmund Freud Vorlesungen 2015:

Lust. Verschlingen. Alles.

8. und 9. Mai 2015, 13. und 14. November 2015

Ort: Wiener Psychoanalytische Akademie, 1., Salzgries 16/3

Detailliertes Programm unter: www.psy-akademie.at

In Klammer und kursiv gesetzte Namen im Artikel, z. B. (Freud) verweisen auf Literatur zum Thema oder Begriff

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