Geisteswissenschaften

Ungewohnt tierisch

Geistes-und Sozialwissenschafter in Österreich entdecken Tiere als Forschungsobjekt - in deren Beziehung zu Menschen

Sonja Burger | aus HEUREKA 1/15 vom 08.04.2015

Kaninchen. Sie sind herzig und bei Kindern meist beliebt, dienen aber auch vielfach als Haus-, Nutz- oder Labortiere. Und in der Kunst wird ihre Symbolkraft geschätzt. Obwohl das berühmteste Langohr, Dürers Hase, kein Kaninchen ist. Doch welche Rolle spielen Tiere ganz allgemein in den Geistes-und Kulturwissenschaften? Das ist umstritten. Die Bandbreite der Haltungen von Wissenschaftern reicht von Ignoranz bis zur Sichtweise der interdisziplinären "Human-Animal Studies".

Dieses Fach gibt es an der Universität Innsbruck. Zu seinen Begründerinnen gehören die Erziehungswissenschafterin Reingard Spannring, die Latinistin Gabriela Kompatscher-Gufler und die Germanistin Karin Schachinger.

Sie schreiben den Tieren "Wirkungsmacht" zu. In ihren Studien steht die Vielfalt der Mensch-Tier-Beziehung im Mittelpunkt. Ihr Ansatz wurde von Disziplinen der Geistes-und Sozialwissenschaften aufgegriffen. So zeigen Forschungsergebnisse etwa aus Theologie, Psychologie, Rechts-, Erziehungs-oder Literaturwissenschaften, dass Tiere auch hier bedeutsam sind - und nicht nur in den Naturwissenschaften.

Trotzdem wurde das Forschungsfeld Mensch-Tier in Österreich bisher wenig zur Kenntnis genommen. Das hängt laut Reingard Spannring damit zusammen, "dass Tiere im Selbstbild der Geistes-und Sozialwissenschaften nicht vorkommen. Wenn überhaupt, dann als etwas Gegebenes, das unhinterfragt bleibt."

In der Literaturwissenschaft fristen Tiere laut Kompatscher-Gufler oft "zu Unrecht ein Fußnotendasein". Eine tiersensible Literaturwissenschaft werfe kritische Fragen an das eigene Fach auf. Auch zeige sich, wie stark Tiere die Entstehung von Literatur beeinflussen. Und schließlich prägt die Literatur auch unser Verhalten Tieren gegenüber, etwa das Wolfsbild durch das Märchen "Rotkäppchen".

Dies verdeutlicht, wie groß der Einfluss von Geschriebenem auf unsere Einstellungen und unser Verhalten gegenüber Tieren ist. "Doch indem die Geisteswissenschaften den Einfluss von Literatur etc. auf das Mensch-Tier-Verhältnis nicht bearbeiteten, trugen sie zur Marginalisierung dieses Themas auch in den Naturwissenschaften bei", kritisiert Spannring. So hielten die Geistes-und Sozialwissenschaften an Sichtweisen fest, die den Menschen als Mittelpunkt betrachten und Tiere auf ihre Gene reduzieren.

"In den Erziehungswissenschaften stellen die Human-Animal Studies einige Grundannahmen infrage", erklärt Spannring. "Etwa die Vorstellung, dass Kinder und Tiere viel gemeinsam haben, Kinder das Animalische jedoch hinter sich lassen."

Lasse man das Mensch-Tier-Verhältnis außer Acht, habe dies eine einseitige Pädagogik zur Folge, die eine ganzheitliche Entwicklung verhindere. Die Forscherinnen verstehen es als gesellschaftlichen Auftrag, das Mensch-Tier-Verhältnis zum Forschungsthema zu machen. Mit ihrer kürzlich erschienenen Publikation "Disziplinierte Tiere? Perspektiven der Human-Animal Studies für die wissenschaftlichen Disziplinen" wollen sie eine erste Einführung in das Fach erreichen.

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