Wie robust ist unsere Psyche?

Einst war die Psyche eine Königstochter. Die moderne Arbeitswelt hat sie zur Magd von Ansprüchen und Wunschvorstellungen gemacht. Jetzt reagiert sie mit Depressionen und Burnout

Werner Sturmberger | aus HEUREKA 1/15 vom 08.04.2015

Die Psyche war einst eine mythologische Gestalt. Eine Königstochter, die sich mit Amor vermählt und so Unsterblichkeit erlangt. Mittlerweile trägt auch ein Krater des Asteroiden Eros ihren Namen.

Auf der Erde wird sie gegenwärtig im Kontext von Beeinträchtigung genannt. Denn aufgrund psychischer Leiden stiegen in den letzten Jahren die Ausfallzeiten der Erwerbstätigen sowie die Anzahl von Krankenständen deutlich an. Vor allem im Zeitraum der Wirtschaftskrise ist ein deutliches Wachstum erkennbar. 2012 erreichten sie ihren Höchststand. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer.

Die Psyche in ihrem Mutterland: Bei den Griechen ist sie fragil

Am drastischsten macht sich der Zusammenhang von Psyche und Gesellschaft in Griechenlands Suizidraten bemerkbar. Diese stiegen erstmals zu Beginn der Krise 2008 und ein weiteres Mal bei der Verabschiedung der Sparmaßnahmen 2011. Denn diese brachten auch eine massive Reduktion der medizinischen Versorgung. Ohne darauf näher einzugehen, lässt sich doch feststellen, dass Psyche und Gesellschaft keine unabhängigen Bereiche darstellen. Sie sind dynamisch und wechselseitig aufeinander bezogen.

Die Psychiatrie ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts

"Psychiatrie als ein systematisches Verständnis psychischer Störungen gibt es erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts", erklärt Ulrike Kadi, Assistenzprofessorin an der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien (siehe auch ihren Beitrag auf Seite 16)."Sie ist der Versuch, seelische Probleme medizinisch zu betrachten, die Seele zu medikalisieren. So wird es möglich, spezifische Zustände als krank zu beschreiben und sie damit aus dem moralischen Bereich herauszulösen, in den sie damals verbannt waren."

Mit der wissenschaftlichen Psychiatrie findet ein Paradigmenwechsel statt: Psychische Störungen werden nicht mehr mit einer Beeinträchtigung der Verstandesfunktion gleichgesetzt. Auch nicht mehr mit Besessenheit oder moralischem Makel. Es kommt zur Ausarbeitung einer psychiatrischen Krankheitslehre.

Im Verlauf dieses Prozesses gewinnt gegen Ende des 19. Jahrhunderts die systematische Auseinandersetzung mit dem Unbewussten an Bedeutung. Im Pariser Hôpital Salpêtrière entdeckt der Neurologe Jean-Martin Charcot etwa, dass sich die Lähmungen mancher Patientinnen unter hypnotischer Suggestion beheben lassen. Diesen lagen offenbar keine organischen Störungen zugrunde. Sigmund Freud, der zwischen 1885 und 1886 vier Monate an Jean-Martin Charcot's Klinik verbringt, erkennt darin einen Beleg für die Existenz des Unbewussten.

Die Entstehung der Psychoanalyse und ihre Spaltung in Wien

Zurück in Wien, wird Freud zum Vordenker der Psychoanalyse und Wien zu ihrer Metropole. Im Zeitraum von knapp dreißig Jahren entwickelt er getreu dem Motiv "Forschen und Heilen" zentrale Thesen der Psychoanalyse. Er trägt zu ihrer Institutionalisierung, aber auch zu ihrer Spaltung bei.

Die Popularisierung der Theorie stößt vor allem in der Psychiatrie auf heftige Kritik, findet aber bei einigen Interessierten Anklang. "Nicht alle hatten einen direkten Zugang zu Freuds Mittwochsgesellschaft, der späteren Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft", sagt Gerhard Benetka, Leiter des Departments für Psychologie an der Sigmund-Freud-Universität Wien.

Um falschen, missverstandenen oder gar missbräuchlichen Auslegungen vorzubeugen, versuchte Freud ein Lehrbuch der "richtigen" Anwendung der Psychoanalyse zu verfassen. Er scheiterte und schlug einen anderen Weg ein: "Im Jahr 1910 wird die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet", erklärt Benetka.

"Qualitätssicherung durch Mitgliedsausweis: Die Frage nach richtig oder falsch wird mit der Mitgliedschaft verknüpft. Wenn man einen Verein nach dem Vorbild eines Familienverbandes gründet, so wie sich das Freud in ,Totem und Tabu' vorgestellt hat - ein Urvater und seine Söhne -, dann schreit das geradezu nach Häresie und Abfall." Dissidenten werden von der Orthodoxie scharf bekämpft: Schon früh werden Alfred Adler, Carl Gustav Jung und Wilhelm Stekel aus der Bewegung ausgestoßen. Sie begründen eigene Traditionen.

Psychotherapeutischen Formen in der österreichischen Gegenwart

"Psychotherapie ist heute ein heterogenes Feld. Es gibt in Österreich über zwanzig anerkannte Methoden und vier große Paradigmen", sagt Gerhard Stumm, Psychotherapeut und Klinischer Psychologe. Zu den aus der Psychoanalyse entstandenen tiefenpsychologischen Therapieformen treten im Verlauf des 20. Jahrhunderts andere Traditionen hinzu, etwa die am positivistischen Behaviorismus orientierte Verhaltenstherapie oder systemische oder humanistische Ansätze.

Auch in der Psychotherapie gibt es zeitgeistige Trends: "Ein Zeitlang waren Familienaufstellungen sehr beliebt. Im Moment gibt es dagegen kaum Prospekte von facheinschlägigen Verlagen, in denen nicht zumindest ein Buch über Traumatherapie oder Achtsamkeitstraining vorgestellt wird", sagt Stumm.

Stumm kommt auch auf das Äquivalenz-Paradox zu sprechen: "Trotz unterschiedlicher Methoden und theoretischer Fundierungen - es gibt zum Beispiel eine Reihe von stark variierenden Erklärungsmodellen für Depressionen - sind die anerkannten Verfahren in der Therapie-Praxis ähnlich wirksam. Was eine Therapie erfolgreich macht, sind nicht so sehr spekulative Theorien, sondern vorwiegend allgemeine Faktoren wie die Interaktion mit dem Klienten, Zuhören, Mitschwingen, Einfühlungsvermögen und Wertschätzung."

Die Ansätze unterscheiden sich aber hinsichtlich ihrer Zielsetzung: Während Verhaltenstherapien vornehmlich auf Symptome ausgerichtet sind, zielen tiefenpsychologische und humanistische Ansätze eher auf eine nachhaltige Veränderung der Persönlichkeitsstrukturen.

Aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen, die einen breiten Zugang zur Ausbildung und Ausübung bzw. eine breite Palette an Methoden ermöglichen, bezeichnet Stumm Österreich als "eine Art Psychotherapie-Paradies". Dies gilt jedoch nicht für die Kostenübernahme psychotherapeutischer Leistungen. "Im Sinne einer Gleichstellung mit körperlichen Erkrankungen wäre daher eine Ausweitung der Kostenübernahme wünschenswert, um eine flächendeckende Versorgung mit Psychotherapie sicher zu stellen."

Freuds Theorien in der Gegenwart: Vieles anerkannt, vieles umstritten

Viele von Freuds Überlegungen wie das Konzept von Ich, Es und Über-Ich gelten immer noch als grundlegend. Andere sind fragwürdig geworden und müssen durch neue Konzepte ergänzt werden: "Auch innerhalb der Psychoanalyse wird diskutiert, ob etwa der Ödipuskomplex, verstanden als ein notwendiges Durchlaufen eines Liebesund eines Rivalitätsverhältnisses zu Mutter und Vater, als universell, und das heißt auch überzeitlich gültig, anzusehen ist", sagt die Psychoanalytikerin Ulrike Kadi.

Entwicklungsbedingungen von Subjekten ändern sich aufgrund neuer sozialer Konstellationen. Heute gibt es AlleinerzieherInnen, In-vitro-Fertilisation mit Eizell- und Samenspenden, Patchwork-und Regenbogenfamilien. Freuds Grundannahme von einer heterosexuellen Kernfamilie erfüllen sie nicht.

Entwicklungspsychologen gehen davon aus, dass die Genese der Psyche von unterschiedlichen Sozialisationsinstanzen abhängig ist. Diese sind jedoch selbst gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Daraus folgt, dass psychische Strukturen mit der Zeit in einem gewissen Rahmen veränderlich sind. Als Anzeichen gelten dem Psychologen Benetka etwa der frühere Eintritt in die Pubertät, ein höheres Heirats-und Erstgebärendenalter und die verlängerte Phase der Adoleszenz: "Das ist immer häufiger die Problemphase. Jugendliche haben große Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden."

Nach der Hysterie erscheinen nun neue Krankheitsbilder

Damit einhergehend ändern sich Krankheitsbilder: "Ein Fall von Hysterie, wie ihn Freud noch gesehen hat, ist wohl zum letzten Mal in den Siebzigerjahren im AKH aufgetreten", sagt Benetka. Dass die Hysterie vollkommen verschwunden ist, glaubt die Psychiaterin Kadi aber nicht: "Auf eine an Freuds Beschreibungen erinnernde Normal-Hysterie treffen wir bei reiferen, das heißt neurotisch strukturierten Persönlichkeiten. In der klinischen Praxis haben wir es heute vermehrt mit unreiferen, zum Teil psychotischen Strukturen zu tun."

Mit den Krankheitsbildern ändern sich auch die tatsächlich auftretenden Krankheiten. In der soziologischen Studie "Das erschöpfte Selbst" erörtert Alain Ehrenberg die Zunahme von Depressionen im Kontext wechselnder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Dazu gehören Erwerbsarbeit, sich ändernde Krankheitsdefinitionen und Diagnosepraxen sowie ihre Darstellung in den Medien.

Gerhard Benetka spielt auf diesen Themenkomplex an, wenn er darauf hinweist, dass es handfeste materielle Interessen hinter den Diagnosen gibt: Pharmakonzerne wollen ihre Präparate verkaufen und TherapeutInnen ihre Dienstleistungen auf dem Markt anbieten. "Die Gesellschaft macht die Menschen wirklich krank. Zusätzlich bringt sie ein Gesundheitssystem hervor, das immer mehr Menschen, zumindest statistisch betrachtet, als krank denunziert", formuliert Benetka.

Versagensängste, Depression und der Zwang zur Selbstoptimierung

Rainer Gross, Primar der Sozialpsychiatrischen Abteilung am Landesklinikum Hollabrunn, spricht von "intrapsychischen Transformationen durch Internalisierung der verschärften äußeren Anforderungen in der heutigen Arbeitswelt". Sie lösen "Insuffizienzgefühle und Scham bei Nicht-Erreichen dieser Anforderungen des Ich-Ideals" aus. Kurz gesagt: Versagensängste.

"Vor zwanzig Jahren war das etwas, das langsam und erst als Elitenproblem spürbar war. Aber das Gefühl war ein anderes. Da war noch Hoffnung dabei", so Gross. Den höheren Risiken für den Einzelnen seien höhere Chancen und das Versprechen auf soziale Durchlässigkeit gegenübergestanden. Der oftmals zitierte Trickle-Down-Effekt hat sich bewahrheitet, nur anders als versprochen: Statt Wohlstand sickerten Druck und Unsicherheit nach unten.

"Die Menschen, die wir in Hollabrunn in der Sozialpsychiatrie aufnehmen, die beim Penny-Markt oder Billa knapp am Rausfliegen sind, haben blanke Angst. Dennoch erzählen ihnen alle, dass sie Unternehmer ihrer selbst sein müssen. Und sie glauben das auch selbst. Wie das geht, können sie dann in den Wochenendzeitungen oder anderen Lifestyle-Beilagen nachlesen."

Die von Gross angesprochene Selbstoptimierungsrhetorik stachelt zur Ertüchtigung für die persönliche Selbstausbeutung an. Sie offenbart sich als Zwang zur Freiwilligkeit. Mit dem Philosophen Michel Foucault könnte man auch von einer Internalisierung von Disziplinarmacht, einer Tendenz zu Selbstdisziplinierung und -überwachung sprechen. Foucault hält dies für eine Charakteristik der Moderne. Die Kontrolle wird nicht mehr von einer Instanz außerhalb der Person geleistet, sondern von dieser selbst.

Fehlendes Selbstwertgefühl und seine soziale Kompensation

"Durch den Wegfall sozialer Bindungen, also der Auflösung von familiären oder gesellschaftlichen Strukturen wie Kirche, Partei oder sonstige Vereinigungen, sind die Menschen stärker auf sich selbst angewiesen, um sich großartig und erfolgreich zu machen. Das kann dazu beitragen, übertriebene narzisstische Tendenzen zu fördern", sagt die Philosophin Ulrike Kadi. Der Erfolg von Selbstoptimierungsrhetorik oder der Wunsch nach Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken werden so verständlich.

"Menschen, die in ihrem Selbstwertgefühl oder in ihrer narzisstischen Homöostase einigermaßen gesichert sind, leben meistens zufriedener. Wenn sie aus ihrer Kindheit genügend geliebt und gesichert herauskommen, sind sie seltener die High-Achiever. Wer etwas zu kompensieren hat, etwa das Gefühl, nicht so viel wert zu sein, der ist leichter zur Selbstausbeutung zu verführen", erklärt Sozialpsychiater Gross.

Nicht zuletzt sind Menschen mit gesundem Selbstwertgefühl auch belastbarer. Faktoren für eine erfolgreiche Stressbewältigung sind die Stabilisierung durch ein Beziehungsgeflecht nach außen und eine robuste Persönlichkeitsstruktur. Ihre Ausbildung finde jedoch zusehends unter Bedingungen statt, die wenige Ressourcen dafür anbieten würden.

Gegenwärtig liege das diagnostische Augenmerk vor allem auf dem äußeren Anforderungsdruck, meint die Psychiaterin Kadi, nicht aber auf den damit verflochtenen Persönlichkeitsstrukturen, wie sie die Psychoanalyse betont. Aus diesem Grund kritisiert Gross die gebräuchliche Verwendung der Begriffe Depression oder Burnout: "Es handelt sich dabei um eine Trauma-Ideologie: Böses von außen macht mich krank. Das, worunter die Menschen leiden, empfinden sie als exogen. Ihren eigenen Beitrag, die Konflikte, die Selbstausbeutung und die Anfälligkeit für diese sehen sie nicht so gern."

Burnout sei daher die Möglichkeit, sich mit dem Selbst zu beschäftigen, ohne sich allzu sehr mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Anders als die Diagnose Depression sei sie weniger stigmatisierend. Sie wird nicht wie diese im Dunstkreis persönlicher Schwäche, sondern als außergewöhnliche Leistungsbereitschaft gesehen. Burnout wird so zu einer verdienstvollen Auszeichnung und nicht wie die Depression zum Makel persönlichen Versagens.

Beste Anpassung an den gegenwärtigen Arbeitsmarkt?

Argumente für eine Ausweitung der psychotherapeutischen Dienstleistungen kommen nicht selten von jenen, die maßgeblich an der Schaffung des Bedarfs beteiligt sind. Die OECD-Studie "Fit Mind, Fit Job" bezifferte die Kosten psychischer Erkrankungen jüngst mit 11,8 Milliarden Euro. Sie rät zur Investition in Schulprogramme für psychische Gesundheit und entsprechend qualifizierte Fachkräfte, zur Ausweitung medizinischer und beruflicher Rehabilitationsprogramme sowie zu kürzeren Reaktionszeiten im Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Dabei fällt der Psychotherapie die Aufgabe zu, Menschen auf die Erfordernisse der Erwerbsarbeitswelt vorzubereiten bzw. deren negative Auswirkungen zu korrigieren. Es soll die Minderung der Workforce in Quantität und Qualität vermieden werden. Der Psychologe Benetka findet für diese Widersprüche der Psychotherapie in einem marktförmigen Umfeld folgende Formel: "In einer Welt der Berufstätigkeit, die eigentlich krank macht, Menschen wieder für diese gesund zu machen, ist ein kurioses Therapieziel."

Für den Sozialpsychiater Gross ist vor allem das Zusammenwirken von Psychotherapie und Neoliberalismus problematisch: "Der Neoliberalismus hat am Rande der Psychotherapie-Szene eine blühende, weitgehende parasitäre Beraterszene ins Leben und ins gute Brot gebracht. Viele windige und sicher auch ein paar seriöse Berater von irgendwelchen Klitschen im Hinterhof bis hin zu McKinsey oder der Boston Consulting Group leben blendend davon." Für diesen "hässlichen Bastard, die Beratungsindustrie" trage die Psychotherapie eine gewisse Mitverantwortung. Diese BeraterInnen seien zwar nicht ausschließlich PsychotherapeutInnen, würden sich aber des Jargons der Zunft bedienen.

Der emanzipatorische Aspekt der Psychoanalyse

Gerade im Selbstverständnis der Psychoanalyse sei aber auch ein emanzipatives Moment angelegt: Sie könne helfen, die Menschen von dem freizusetzen, was sie fesselt und dabei helfen, eine kritische Distanz zu schaffen, um sie widerständiger gegen die Zumutungen des Lebens zu machen.

In einem Bericht Sigmund Freuds aus den "Studien über Hysterie" klingt das so: "Ich zweifle ja nicht, dass es dem Schicksal leichter fallen müsste als mir, Ihr Leiden zu beheben: aber Sie werden sich davon überzeugen, dass viel gewonnen ist, wenn es uns gelingt, Ihr hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln. Gegen letzteres werden Sie sich mit einem wiedergenesenen Seelenleben besser zur Wehr setzen können."

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