Absturz in die Sucht

Das Einstiegsalter bei Österreichs Jugendlichen in den Alkohol-und Drogenmissbrauch liegt derzeit zwischen elf bis 14 Jahren. Die Folgen für die Psyche können enorm sein

Dieter Hönig | aus HEUREKA 1/15 vom 08.04.2015

Zu Spitzenzeiten war ich 48 Stunden unterwegs, bin mit Kaffee und Kokain aufgestanden und hab' mich abends mit einem Joint runtergeholt." Reinhard hatte mit 20 Jahren das erste Mal Marihuana geraucht. Irgendwann wollte er mehr: "Meine Freunde zogen eine Line, also hab' ich es auch versucht."

Der 30-jährige Villacher erzählt von Höhen und Tiefen, so als könnte er den Drogenrausch noch fühlen. Es gab kein Lokal, in dem er nicht gedealt hatte. "Marihuana, Kokain. Ich hab' gekauft, gedealt und konsumiert. Die Realität geträumt, um am Ende böse zu erwachen."

Vier Jahre saß er im Gefängnis. Heute weiß er: "Es war ein Fehler, und ich wünschte, ich hätte es früher erkannt." Diese Erkenntnis kam zwar spät, aber nicht zu spät: Seit sechs Jahren ist er clean und damit beschäftigt, "den Wahnsinn seiner Vergangenheit aufzuarbeiten".

"Ich deute ständig seinen Geruch", sagt die Mutter

Auch Erwin hat die Sucht mittlerweile überwunden. Er war 15 Jahre lang abhängig von Kokain und flüssigen Drogen und riss damit nicht nur sich, sondern auch seine Familie in den Abgrund. "Irgendwann ist er dann auf der Straße zusammengebrochen und musste von Fremden ins Krankenhaus gebracht werden. Wir konnten nur machtlos zusehen", erzählt seine Mutter.

Was nach seinem Entzug geblieben ist, ist die Angst der Eltern: "Ich bin ständig wachsam, deute sein Verhalten, seinen Geruch, seine Worte", so die Mutter. Das sei gut so, sagt Joe Waitschacher, Psychologe und Therapeut im Drogen-Ambulatorium "Roots" in Villach. "Abhängige brauchen das familiäre Netz und Menschen, die an ihrem Leben teilhaben und sie nicht meiden. Sie brauchen Zeit und Perspektiven."

Jugendarbeitslosigkeit als Einstiegsdroge

Rund 400 Klienten werden derzeit im Drogenambulatorium Villach von einem zehnköpfigen Team betreut. Mehr als die Hälfte der Abhängigen sind Jugendliche. "Ein Großteil von ihnen ist wegen des Cannabis-Konsums, dem Kiffen, bei uns", berichtet die Psychiaterin Ingrid Korner-Kattnigg, Leiterin des Ambulatoriums.

Die Einrichtung bietet auch wöchentliche Betreuung von Angehörigen an. "Immer mehr Eltern suchen unsere Hilfe, weil sie mit der Sucht ihrer Kinder nicht zurechtkommen. Wir wollen Wege erarbeiten, um mit der Problematik umzugehen." Auch beklagt Korner-Kattnig das immer niedrigere Einstiegsalter bei Drogen. Die Jugendarbeitslosigkeit sei hier ein großes Problem. "Wenn etwa Lehrlinge keine Job-Perspektiven erkennen können, sind sie eher geneigt, zu Drogen zu greifen." Besonders Cannabis sei ein zunehmendes Problem unter Jugendlichen. "Viele sind sich nicht bewusst, welche Gefahren die Droge birgt. Sie kann zur Abhängigkeit und schizophrenen Grunderkrankung führen." Angehörigen rät sie, erste Anzeichen von Drogenabhängigkeit nicht zu ignorieren und offen auszusprechen. Dass Marihuana legalisiert werden soll, lehnt sowohl sie als auch ihr Patient ab: "Nein, am besten, man hält die Droge fern von allen Menschen."

Auf dreißig Alkoholabhängige kommt bei uns ein Kiffer

350.000 ÖsterreicherInnen konsumieren regelmäßig Alkohol, 30.000 Drogen, Tendenz steigend. Das ist umso dramatischer, da die Spätfolgen bei Alkohol noch weit verheerender sind als bei Drogen. Alkohol richtet irreparable Organschäden an.

"Die Zunahme an Suchterkrankungen liegt nicht nur an der relativ leichten Verfügbarkeit von Suchtmitteln, sondern auch an unserer zunehmend unsolidarischen Gesellschaft, in der nicht Leistung, sondern Erfolg zählt", ist Michael Musalek, Leiter des Wiener Anton-Proksch-Instituts, überzeugt. Auch haben Jugendliche heutzutage wesentlich mehr Geld zur Verfügung, um an Drogen und Alkohol zu gelangen. Und dies geht quer durch alle sozialen Schichten. Auch lässt sich eine Suchterkrankung nicht nur aus einer genetischen Disposition heraus erklären.

"Sucht hat wichtige gesellschaftliche Aspekte", erklärt Musalek. Als ganz große Gefahr sieht auch er das immer frühere Einstiegsalter bei Jugendlichen. Dieses liegt derzeit bereits zwischen elf bis 14 Jahren. Und er sieht auch keine Besserung. Ganz im Gegenteil, das Einstiegsalter werde weiter sinken. Grundsätzlich unterscheidet Musalek zwei Gruppen von Jugendlichen mit Neigung zu Drogen: "Die einen, die es aus bloßer Neugierde versuchen, weil es schick ist. Und die anderen, die es nicht beim Versuch belassen, sondern Gefallen daran finden. Sie verlieren Ängste und Spannung und gewöhnen sich an diesen Zustand." - Für Musalek der gerade Weg in die Sucht.

Statt Stigmatisierung mehr Information und Verständnis

Musalek plädiert nicht für Verbote und Stigmatisierung von Suchtmitteln, sondern für einen verantwortungsvolleren Umgang der Gesellschaft mit Sucht, mehr Information und die Loslösung von der Wahnvorstellung, Leistung sei gleich Erfolg. "Heute wird gerne behauptet, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben. Aber nicht Leistung wird honoriert, sondern Erfolg."

Dadurch seien viele Menschen einem steten Leistungsdruck ausgesetzt. Den Ausweg bieten dann scheinbar Sucht-und Dopingmittel zur Entspannung und Bewältigung von Ängsten oder Sorgen. Ganz besonders gefährdet seien daher Menschen, die andauernd Erfolge vorweisen müssten: Künstler, Politiker, Manager, aber auch Personen im Gesundheitswesen oder in der Medienbranche.

Rückkehr zu einer solidarischen Leistungsgesellschaft

"Ich fürchte, es ist eine Illusion, dass wir in einer Informationsgesellschaft leben", sagt Suchtforscher Musalek. Vielmehr sei es eine Gesellschaft des gefährlichen Halbwissens, wo Wissenslücken durch Vorurteile ersetzt werden. Und so wird dann auch mit Suchtmitteln umgegangen. Als verschärfend sieht Musalek die Tatsache, dass die Mehrheit sich ihres lückenhaften Wissens nicht einmal bewusst ist. Man sieht die Dinge nur an der Oberfläche und wird so zum Spielball des Establishments.

Musalek räumt auch mit dem Irrglauben mancher auf, wir würden heute in einer Genussgesellschaft leben. "Wir leben vielmehr in einer Spaßgesellschaft. Denn Genuss, Freude und Glück bedeuten anhaltendes Wohlsein. Spaß, ähnlich wie beim Drogenkonsum, einen kurzen, heftigen Höhepunkt mit anschließender Ernüchterung."

Aber nicht nur stoffgebundene, auch stoffungebundene Süchte wie etwa Spielsucht, Internetsucht oder Kaufsucht nehmen zu. Bei der Spielsucht sieht der Suchtforscher klare Zusammenhänge mit Depressionen. Oft würden Betroffene versuchen, diese durch Spielsucht zu kompensieren.

Auch bei der Kaufsucht erkennt Musalek klare Zusammenhänge zum Druck der Erfolgsgesellschaft, die ein permanentes Konkurrenzdenken herausfordert.

Und er appelliert sowohl an die Medizin als auch an die Gesellschaft: "Natürlich müssen wir uns therapeutisch verbessern und Süchte früher erkennen. Wir sollten uns aber auch überlegen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die uns so empfänglich für Süchte aller Art macht."

Auswege sieht er in der Rückkehr zu einer solidarischen Leistungsgesellschaft und in neuen Informationsstrategien. Sowohl seitens der Medien als auch seitens der Konsumenten. Es gelte, Informationsschlaglichter nicht nur zu vermitteln und aufzunehmen, sondern sich wirklich grundlegend zu informieren und dieses Wissen letztlich auch praktisch umzusetzen.

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