Europas gefährlichste Wildnis

Als vor 29 Jahren das Atomkraftwerk Tschernobyl explodierte, breitete sich eine Wolke der Zerstörung über das umliegende Gebiet aus. Mittlerweile hat die Natur es zurückerobert

SONJA DRIES | aus HEUREKA 2/15 vom 27.05.2015

Ein Wolfsrudel macht sich über den Kadaver eines Bisonkalbs her, das den harten Winter nicht überstanden hat. Über ihm kreisen die Seeadler und warten geduldig auf die Reste. Wildpferde grasen auf einer Lichtung. Wildschweine, Rehe, Luchse und Dachse durchstreifen den Wald. Sogar Bären und Elche haben sich in dem Gebiet im Nordosten Europas niedergelassen.

Doch es ist kein Naturschutzgebiet, das den Lebensraum für so viele Tiere bereitstellt, es ist die 3.000 Quadratkilometer große Sperrzone von Tschernobyl.

Am 26. April 1986 explodierte um 1 Uhr 23 der vierte Block des Atomkraftwerks in der Ukraine. Radioaktives Material wurde in die Atmosphäre geschleudert. Ein zehntätiger Brand verursachte eine radioaktive Wolke, die weite Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands verseuchte und bis nach Mitteleuropa und das Nordkap zog.

500.000 Menschen verloren ihre Heimat, zehntausende starben an den Folgen des GAU s. Auch viele Millionen Tiere, Bakterien und Mikroorganismen wurden getötet. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Menschen dem Gebiet bis heute ferngeblieben. Die Tiere und Pflanzen haben das Areal in der Größe von Luxemburg zurückerobert.

Artenreichtum in der Sperrzone

Vor dem GAU wurden Tiere in dem Gebiet gejagt, Wälder gerodet, Flüsse trockengelegt. Heute haben Biber mit ihren Dammbauten das Wasser des Flusses Prybjat aufgestaut und die Prybjat-Sümpfe sind zurückgekehrt.

Der alte Hafen von Tschernobyl hat sich zu einem der größten Wasservogelgebiete Europas entwickelt. Uferschwalben, Kormorane, Reiher, Kraniche und über hundert weitere Vogelarten leben hier. Auch der seltene Schwarzstorch, der Kulturland und Menschen meidet, hat sich eingerichtet.

Inmitten des Kühlteichs des Reaktors führt ein schmaler Damm zu einer kleinen Insel, auf der Seeadler nisten. Im Wasser schwimmen bis zu zweieinhalb Meter große Welse.

Die verwilderten Parks der Geisterstadt Prybjat sind zum Habitat von Wölfen und anderen Raubtieren geworden. Der Wald drängt langsam in die ehemalige 58.000 Einwohnerstadt.

120 Wölfe sollen derzeit im weißrussischen Teil der Sperrzone leben. Auf den Friedhöfen rund um die Stadt, wo Bäume selten gefällt wurden, wachsen riesige Eichen, in denen sich Fledermäuse besonders wohlfühlen. Sie halten sich auch gerne in den verlassenen Häusern auf, die langsam durch Stürme, Verwitterung und Brände verschwinden.

10.000 Apfel-und Kirschbäume und ein paar verwilderte Zierblumen erinnern noch daran, dass die Sperrzone bis vor 29 Jahren bewohntes Kulturland war.

Das Bison lebt in der Sperrzone

Neben den Tieren, die selbst ihren Weg über marode Zäune und Absperrungen in die Zone gefunden haben, gibt es auch einige, die von Menschenhand hier ausgewildert wurden, wie zum Beispiel das Bison. 1998 wurden Vertreter dieser schwersten Tierart Europas in das Sperrgebiet gebracht.

Ende des 19. Jahrhunderts waren sie fast ausgestorben. Auch eine andere vom Aussterben bedrohte Tierart wurde hier ausgewildert. Das Przewalski-Pferd gibt es weltweit nur noch circa 1.000 Mal. 1879 war das letzte Wildpferd in der Ukraine getötet worden. 1998 wurden 21 Pferde in die Sperrzone gebracht. Es waren eher schwächere und ältere Exemplare, da man von ihrem sicheren Tod ausging. Heute sind es immerhin schon 57 Pferde.

Ein Freiluftlabor für viele Forscher

Es scheint, als wäre das Gebiet rund um den Reaktor Tschernobyl ein Paradies für Tiere geworden. Gleichzeitig ist es aber auch eines der größten Freiluftlabors der Welt. Forschergruppen aus verschiedensten Ländern haben sich Sondergenehmigungen für das Betreten des Sperrgebiets geholt, um herauszufinden, wie sich radioaktive Strahlung auf ein Ökosystem auswirkt. Dabei müssen die Wissenschafter ein genaues Zeit- und Bestrahlungslimit einhalten.

In der Akutphase nach dem Reaktorunglück waren alle Organismen einer enorm hohen Strahlendosis ausgesetzt. Die radioaktive Gammastrahlung zerstört Moleküle und spaltet sie in freie Radikale. Diese attackieren die Zellmembran. Die beim Reaktorunfall freigewordenen radioaktiven Nuklide zerfallen sehr langsam. Heute sind noch drei Prozent der radioaktiven Materie vorhanden. Diese haben aber eine sehr lange Halbwertszeit.

Im Gebiet rund um Tschernobyl sind es vor allem die radioaktiven Isotope Cäsium 137 und Strontium 90, welche die Umwelt belasten. Beide haben eine Halbwertszeit von 30 Jahren und brauchen noch mindestens 270 Jahre, bis sie verschwunden sind.

Die Radionuklide sind mittlerweile ins Erdreich vorgedrungen und erreichen dort die Wurzeln der Pflanzen. Lebewesen absorbieren sie über die Atemluft und die Nahrung. Die Strahlung liegt durchschnittlich über das Tausendfache über dem Normalwert.

Welchen Schaden sie anrichtet, ist je nach Tier- und Pflanzenart ganz unterschiedlich. Das Perfide an Strontium 90 und Cäsium 137 ist, dass sie in ihrer Struktur den lebenswichtigen Stoffen Kalzium und Kalium ähneln. Für die Natur ist es schwierig, sie zu unterscheiden, und so werden sie permanent von den Lebewesen aufgenommen.

Tschernobyl: ein neues Tierparadies

Ein Wissenschafter, der seit Jahren mit seinem Labor-Bus durch die Zone fährt und zahlreiche Wildtierstudien durchgeführt hat, ist der Radioökologe Sergii Gashchak.

Er hat bei vielen untersuchten Tieren zwar eine stark erhöhte Strahlenbelastung festgestellt, konnte aber gleichzeitig keine besonders starken Auswirkungen auf sie erkennen.

So untersuchte er beispielsweise 1.000 Siebenschläfer aus der Zone, von denen nur vier bis sechs Prozent körperliche Abnormitäten zeigen. Ein Prozentsatz, der auch in unbelasteter Natur vorkommt.

Gashchak ist einer der Wissenschafter, der die Sperrzone als Tierparadies bezeichnet. Ohne den Einfluss des Menschen können die Tiere ungestört leben. Viele Forscher gehen davon aus, dass ihre Körper Mechanismen entwickelt haben, um sich selbst zu reparieren. Die Chromosomen bestehen aus zwei fast identen Strängen, die einander bei Beschädigung als Vorlage dienen können. Manchmal geschehen dabei aber Fehler und es kommt zu Genmutationen und Anomalien.

... oder doch eher eine Todeszone?

Zwei Forscher, welche die Sperrzone eher als Gefahr denn als Paradies für die Tiere bezeichnen, sind der Biologe Timothy Mousseau von der Columbia State University und sein Kollege Anders Moller von der Université Paris-Sud.

Sie untersuchen seit dem Jahr 1991 Vögel im Sperrgebiet und stellten fest, dass sich ihre Gesamtzahl und Artenvielfalt stark dezimiert hat.

Bei Schwalben fanden sie Tumore an Hals, Augen und Schnäbeln. Viel zu kleine Eier, Pigmentmangel und ein asymmetrischer Wuchs der Flügel gehörten auch zu den beobachteten Abnormitäten. Ein Spermatogramm der männlichen Schwalben zeigte Anomalien bei 50 Prozent der Spermazellen. Moller und Mousseau haben die Vermutung, dass die Zugvögel, die nicht das ganze Jahr im Sperrgebiet sind, auf ihrer langen Flugreise Antioxidantien verbrauchen, die bei der Abwehr des Körpers gegen die radioaktive Strahlung eine wichtige Rolle spielen. Wenn die Strahlen Moleküle aufspalten und dabei hochtoxische freie Radikale freigesetzt werden, werden diese von Antioxidantien zerstört.

Ein Lager für radioaktiven Müll?

Die tatsächlichen Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt rund um Tschernobyl ist bis heute noch nicht endgültig geklärt. Sicher ist, dass derzeit ein natürliches Gleichgewicht zwischen Vegetation, Pflanzen- und Fleischfressern herrscht. Die Wissenschafter hoffen, dass die Sperrzone ein Naturschutzgebiet wird und sie ihre Forschungen ungestört fortführen können. Doch auch ganz andere Überlegungen stehen im Raum. Das Gebiet könnte als Lagerplatz für radioaktiven Müll genutzt werden.

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