Freistetters Freibrief

Bachelor, bäh!

FLORIAN FREISTETTER | aus HEUREKA 2/15 vom 27.05.2015

Kürzlich wurden 2.000 Unternehmen vom Deutschen Industrieund Handelkammertag (DIHK) befragt. 47 Prozent von ihnen gaben an, mit den bei ihnen arbeitenden Bachelor-Absolventen zufrieden zu sein. 2011 lag der Wert noch bei 63 Prozent. Vor allem die persönliche und soziale Kompetenz wurden kritisiert. Wieviel Lebens-und Berufserfahrung kann jemand sammeln, der ein Bachelorstudium absolviert hat, bei dem die Regelstudienzeit meistens nur bei sechs Semestern liegt? Einen akademischen Abschluss inklusive Praxiserfahrung und sozialer Kompetenz bekommt man eben nicht in drei Jahren - das sollte auch der Wirtschaft klar sein.

Außerdem sollte eine Universität wohl mehr sein, als ein Ausbildungsbetrieb, der möglichst schnell neue Mitarbeiter für die Wirtschaft produziert. Hochschulen sind immer noch wissenschaftliche Einrichtungen, bei denen die wissenschaftliche Ausbildung und wissenschaftliche Arbeit an erster Stelle stehen sollten. Natürlich ist es nicht zielführend, die Universität als "Elfenbeinturm" zu führen. Genauso wenig aber sollten sich die Ziele eines Studiums an den Wünschen der Wirtschaft orientieren. In Deutschland hat der Präsident der DIHK nun gefordert, die Zahl der Studienplätze zu verknappen, um das Problem der (für die Unternehmen) arbeitsuntauglichen Absolventen zu lösen.

Abgesehen davon, dass es ein klein wenig selbstgefällig ist, wenn die Wirtschaft solche Konsequenzen von den Hochschulen fordert, stellt sich auch die Frage: Brauchen die Unternehmen überhaupt so viele Mitarbeiter mit akademischem Abschluss? Was nutzt ein akademischer Grad wie der Bachelor überhaupt? Wer in der Wissenschaft arbeiten will, wird sowieso einen Master-bzw. Doktorgrad erwerben. Und für den Arbeitsmarkt ist der Bachelor offensichtlich auch keine ausreichende Qualifikation.

Statt jungen Menschen schon nach wenigen Semestern einen "akademischen" Grad aufzudrängen, der einen "Abschluss" der Ausbildung nahelegt, sollte man sie in Ruhe Lebensund Berufserfahrung sammeln lassen! Davon profitieren nicht nur die Absolventen selbst, sondern auch die Unternehmen, die so wesentlich kompetentere Mitarbeiter bekommen.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simple

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