Freund oder gefährlicher Schädling?

Vermehrt er sich massiv, ist sein Zerstörungspotenzial gewaltig. Er spielt beim Abbau von Totholz und der Verjüngung des Waldes eine wichtige Rolle: der Fichtenborkenkäfer

USCHI SORZ | aus HEUREKA 2/15 vom 27.05.2015

Eigentlich sieht er harmlos aus: klein, braun, ein bisschen behaart. Unter dem verwegenen Namen "Großer achtzähniger Fichtenborkenkäfer" hätte man sich eine eindrucksvollere Kreatur vorgestellt als ein etwa fünf Millimeter großes unauffälliges Käferchen.

Aber der Buchdrucker (Ips typographus), der im Fichtenbast brütet, hat es in sich. In der Forstwirtschaft kann das unschuldig aussehende Tierchen größten Schaden anrichten, mehr noch als sein ebenfalls recht aggressiver Verwandter, der um die Hälfte kleinere Kupferstecher (Pityogenes chalcographus). Der Wertverlust eines befallenen Baums ist beträchtlich. Darum wachen Waldbesitzer streng darüber, dass sich der Buchdrucker nicht zu stark ausbreitet. Bei Massenvermehrung kann er nämlich ganze Wälder zum Absterben bringen.

Borkenkäfer sind ein Teil des Naturkreislaufs

Vor zwanzig Jahren sorgten Bilder des Nationalparks Bayerischer Wald für Aufsehen: tote Bäume, so weit das Auge reichte. 95 Prozent der Fichtenbestände waren zerstört, Nationalparkbefürworter und Nationalparkgegner lieferten einander rhetorische Schlachten. So könne ein deutscher Wald nicht aussehen, fanden viele. Doch Nationalparks zeichnen sich gerade dadurch aus, dass man es hier tunlichst vermeidet, in die natürliche Dynamik einzugreifen. Sie sind ein Stück ungezähmter Natur, dazu gedacht, der Artenvielfalt Raum zu geben. Auch dem Borkenkäfer.

"Natürlich ist es gewöhnungsbedürftig für Menschen, wenn sie so eine riesige Fläche mit nur abgestorbenen Bäumen sehen", erklärt Axel Schopf vom Institut für Forstentomologie, Forstpathologie und Forstschutz an der BOKU Wien. Statt als nutzlos könne man diese aber auch als Lebensraum für die Tausenden anderen Arten betrachten, die sie besiedeln. Produkte des Zerfallsprozesses nähren den Boden und lassen neues Wachstum entstehen. "Heute hat der Nationalpark in Bayern die gleiche Baumzusammensetzung wie früher, der Wald wurde lediglich verjüngt", so Schopf. Die Natur erholt sich, es ist nur eine Frage der Zeit.

Für Waldbesitzer kann er der Ruin sein

Darum fürchten sie sich in der Nachbarschaft von Nationalparks davor. Schließlich bedeutet Buchdruckerbefall für Waldbesitzer einen enormen Einkommensverlust. Auch die hochgelegenen Schutzwälder muss man vor flächigem Borkenkäferbefall bewahren, sonst ist ihre Funktion, etwa vor Steinschlag, Lawinen, Muren oder Hochwasser zu schützen, gefährdet. Es wäre also naiv, den Borkenkäfer unter dem Fähnchen der Natur überall lässig vor sich hin wuseln zu lassen. Weil es ihm egal ist, ob er sich in einem Nationalpark oder in einem bewirtschafteten Wald sein Brutholz sucht, schafft man Pufferzonen. Das ist ein Kreis von 300 bis 500 Metern um die Kernzone eines Nationalparks, in der man ihn in erster Linie beobachtet und nur eingreift, wenn es nötig ist.

"Wegen extremer Windwürfe 2002 hatten wir 2005 und 2006 ein großes Buchdruckerproblem", erzählt Karl Platzer, Revierförster im Gebiet Johnsbach im Gesäuse. Von seinem 5.500-Hektar-Betreuungsgebiet im Besitz der Steiermärkischen Landesforste ist die Hälfte an den Nationalpark Gesäuse verpachtet. "Durch das Einrichten eines 500-Meter-Gürtels und das Beseitigen der Käfer mit Fangbäumen haben wir es schließlich in den Griff bekommen." Das überzeugte auch die Anrainer, die dem Nationalpark anfangs skeptisch gegenüberstanden. "Sie sehen, dass wir dahinter sind", meint Platzer, für den der Spagat zwischen normalem und Nationalparkforst keine große Sache ist. "Ich habe hier wie da klare Richtlinien", sagt er. "Vieles wird bei gemeinsamen Begehungen entschieden." Kleine Punktbefälle stellen für den Förster kein Problem dar. "Aber das oberste Ziel sollte auch im Nationalpark ein gesunder Wald sein."

Befall von kranken Bäumen ist gut für gesunde

Ist der Buchdrucker wirklich so ein notorischer Waldverwüster, der sich unterschiedslos durch die Fichtenwälder frisst? Wohl eher ist er ein Gourmet, der ganz bestimmte Qualitätsansprüche an seine Bäume stellt. Vom Wind umgeworfene, frisch abgestorbene Fichten liebt er, junge und gesunde lässt er normalerweise links liegen. "Seine Rolle kann man sich vorstellen wie die eines Raubtiers für das Wild", erklärt Axel Schopf von der BOKU. "Nimmt er abwehrschwache Exemplare aus dem Genpool, stärkt das die ganze Population."

Als Waldputztrupp, der alles Kranke und Kaputte wegräumt, ist der Buchdrucker aber dann doch nicht unterwegs. "Ist ein Baum zu stark geschwächt, wird er uninteressant für ihn", so Schopf. Obwohl sein Wirtsbaum, die Fichte, in Mittel- und Nordeuropa allgegenwärtig ist, muss diese bestimmte Voraussetzungen erfüllen, damit er sie besiedelt. Dabei spielen sein Orientierungsverhalten, die Baumabwehrbereitschaft und die Witterungsverhältnisse eine Rolle.

Gefährlich wird der Buchdrucker erst bei Massenvermehrung, hervorgerufen etwa durch Extremereignisse wie Stürme oder Trockenperioden. Sie liefern ihm viel geeignetes Brutholz. Geht dieses zur Neige, können die Käfermassen auch gesunde Bäume angreifen. Angesichts des Klimawandels bietet der Zusammenhang zwischen Ausbreitungsverhalten und Umweltbedingungen jede Menge Stoff für Forscher.

Der Buchdrucker, das unbekannte Wesen

"Im Grunde wissen wir noch relativ wenig über den Buchdrucker", konstatiert Schopf. "Wir haben viele Einzeldaten, aber es gibt noch viel zu tun, um sie zu einem Gesamtbild zusammenzufügen." Auf alle Fälle funktioniert er wesentlich vielschichtiger, als man es bei dem kleinen Kerlchen vermuten würde. "Man unterschätzt solche Tiere leicht, was ihre Sinnesleistungen und ihr Verhaltensrepertoire betrifft." So hat der Buchdrucker etwa einen ausgeprägten Geruchssinn und kann sogar Farben erkennen. Obendrein hat er die erstaunliche Fähigkeit, die Abwehrstoffe des Baums umzubauen, in sein eigenes Duftbouquet aufzunehmen und damit Artgenossen zu bisher unbesiedelten Bäumen zu locken. Wird's dort zu voll und kann der Baum nicht mehr alle ernähren, modifiziert er das Duftbouquet noch einmal zu einem Abschreckstoff, der weitere Mitbewohner vertreibt. Solche Individuen, welche die Leitfunktion für den Neubefall eines Baums übernehmen, nennt man Pionierkäfer. Noch hat man nicht herausgefunden, wie ein Buchdrucker dazu wird. "Zusammenhänge mit der Größe, seinem Fettgehalt oder besonders gutem Flugvermögen haben sich nicht bestätigt", sagt Schopf.

Am Ausbreitungsverhalten des Buchdruckers wird an der BOKU Wien derzeit viel geforscht. Weil auch der Stoffwechsel und die Reaktionsweisen des Baums darauf Einfluss nehmen, ist das ein interdisziplinäres Unterfangen. "Wenn wir vorhersagen können, wohin der Buchdrucker bei welchen Bedingungen fliegt, lassen sich Orte des Neubefalls besser abschätzen und rechtzeitige Bekämpfungsmaßnahmen leichter durchführen", so Schopf. "Dies wäre für die Kontrolle von Pufferzonen um naturgeschützte Flächen wie Nationalparks, aber auch für unsere sensiblen Schutzwaldzonen in Zeiten der Klimaveränderung von großer Bedeutung."

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