Haidingers Hort der Wissenschaft

Emile, Candide und die Bestie

MARTIN HAIDINGER | aus HEUREKA 2/15 vom 27.05.2015

Die Franzosen des 18. Jahrhunderts hatten es ganz schön mit der Wildnis und ihren Bewohnern! Des Königs Louis XV. Lieblingskomponist Rameau brachte die "Wilden" ("Les sauvages") auf die Bühne. So manchem Knäblein und Fräulein bei Hof lief es kalt über den ungewaschenen Rücken, wenn sie sich die nackten Ureinwohner der nordamerikanischen Kolonien vorstellten, die den armen Siedlern aus Europa Speer und Beil in Rumpf und Schädel rammten.

Zugleich kam der Begriff des "edlen Wilden" auf, der alles, was er ist und hat, aus der Natur bezieht. Anders als dann später der Mensch in der rationalen Betrachtung der "Evolutionären Erkenntnistheorie", welche die Struktur unseres Denkens als ein Selektionsprodukt aus den Ordnungsmustern der Natur herleitet, war der edle Wilde der Franzosen zunächst ein Kind von wütenden, zivilisationskritischen Philosophen wie Jean Jacques Rousseau.

Sein Held namens Emile erlebt 1762 im Buch "Über die Erziehung" eine, wiewohl angeleitete, Entwicklung aus eigener Kraft. Er wird somit als Erwachsener fähig, den Gesellschaftsvertrag zu schließen, der ihn erst zum "Mit-Menschen" macht.

Abgesehen davon, dass Rousseau selbst seinen eigenen fünf Kindern keine erzieherische Gefährtenschaft gegönnt, sondern sie in Waisenhäuser abgeschoben hat, ist sein "Zurück zur Natur!"-Aufruf ein Papiertiger geblieben. Als Anleitung ist er ebenso wenig zu gebrauchen wie der literarische Wandersmann "Candide" seines Kollegen Voltaire, der in einer zynischen Abrechnung mit Leibniz' "bester aller möglichen Welten" in Urwäldern wie Kulturlandschaften die Unverbesserlichkeit des Menschen zu erkennen vermeint.

Die diffusen Sehnsüchte der heutigen Europäer nach dem "natürlichen Leben" erweisen, dass wir Kultivierten die Wildnis zwar gebannt, aber nicht bewältigt haben. Sollen wir sie überhaupt überwinden?

Die Antwort der Neuzeitmenschen muss lauten: Ja! Aber natürlich nur dann, wenn wir nicht mehr in den Beutestatus der Vorhominidenzeit zurückfallen wollen, als unsere fernen Vorfahren den Bestien zur Mahlzeit dienten. Denn das war unser zivilisatorisches Meisterstück: als klauenlose und kurzzahnige Wesen die Vorherrschaft des Raubtiers infrage zu stellen.

Seit damals machen wir viele Fehler, ordnen aber immerhin die Welt. Wer das nicht (mehr) will, kann ja in Urwälder abtauchen, sollte aber dabei bedenken, dass die wahren Rebellen meistens jene waren, die auf- und nicht rückbauten.

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschaftsjournalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschaftsjournalismus

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