Italiens alter Buchenwald

Das Gargano, der "Sporn" des italienischen Stiefels, ist einer der größten und artenreichsten Nationalparks Italiens. Seit seiner Gründung 1991 suchen Bewohner, Naturschützer, Touristiker und Parkverwaltung nach einer gemeinsamen Identität

VERONIKA PELIKAN | aus HEUREKA 2/15 vom 27.05.2015

Nur wenige Kilometer trennen die Foresta Umbra von den weißen Kalksteinklippen der Gargano-Küste, der duftenden Macchia-Vegetation und den pittoresken Fischerdörfchen. Wer die steilen Kurven auf sich nimmt und etwa eine halbe Stunde ins Landesinnere vordringt, entdeckt eine in diesen Breiten unwirklich anmutende Welt: uralte Buchen und Eichen, Farne und Orchideen; stille Waldseen und karstige Hochebenen; unwegsame bewaldete Schluchten und geheimnisvolle Grotten mit den Spuren längst vergangener Zivilisationen.

Der größte Buchenwald des Südens

Die Foresta Umbra ist der größte noch erhaltene der einst ausgedehnten Buchenwälder Südeuropas. Dank der topografischen Vielfalt und klimatischen Besonderheiten weist der Nationalpark eine ungewöhnlich reiche Flora und Fauna auf: Über 2.200 botanische Arten, allein 80 verschiedene Orchideen, wurden gezählt. Mehr als 80 Säugetierarten, darunter eine seltene Rehart, Hirsche, Wildschweine, Füchse, Dachse, Marder, seltene Fledertiere, Wildkatzen, sogar Wölfe bevölkern den Wald. 170 Vogelarten nisten hier, darunter Kuckuck, Uhu, Falke, Bussard, Wiedehopf, Waldkauz und Specht. In prähistorischer Zeit war der höherliegende Teil der heutigen Halbinsel vom Festland getrennt. Deshalb sind viele Pflanzenarten hier endemisch.

Gemeinsam mit den Seen Lago di Varano und Lago di Lesina, den nahen Tremiti-Inseln und weiten Küstenstrichen wurde die Foresta Umbra 1991 zum Nationalpark erklärt. Sie ist groß, vielfältig, artenreich und -stark bevölkert. 18 Gemeinden der Gargano-Halbinsel wurden Teil des Parco Nazionale. Die daraus entstandenen Konflikte sind bis heute nicht gelöst.

Touristen brachten Geld in die Region

Die ersten Touristen in den Sechzigerjahren waren fasziniert von der rauen Schönheit und den archaischen Sitten des Gargano. Elektrifizierte Häuser waren selten, Straßen kaum asphaltiert, Esel das Fortbewegungsmittel der Wahl. In knapp zwei Jahrzehnten wurden die Küsten touristisch erschlossen. Ende der Achtzigerjahre erreichte der Boom einen Höhepunkt. Einige der ehedem einfachen Olivenbauern hatten mit Campingplätzen, Hotels oder Gastronomiebetrieben ein ansehnliches Vermögen verdient. Goldgräberstimmung hatte sich breitgemacht, Flächenwidmungspläne hinkten der Entwicklung hinterher.

Die Proklamation des Nationalparks und die damit einhergehenden Gesetze zu seinem Schutz bereiteten mancher Vision ein jähes Ende. Nicht jeder will sich damit abfinden. Bis heute sind Landnahmen und illegale Bauwerke nicht in den Griff zu bekommen. "Im Gargano finden wir eine ungewöhnliche Situation vor", sagt Angelo Masucci, Anwalt des WWF Apulien. "In der Regel vertreten wir Interessen, die auch jene der Bürger sind. Hier ist es anders. Vor allem die einfacheren Gemüter sehen in unserem Engagement eine Einschränkung ihrer Möglichkeiten."

Menschen und Gemeinden im Nationalpark

Der Parco Nazionale del Gargano vereint auf rund 120.000 Hektar bis zu tausend Meter hohe Gipfel, Lagunen-Seen, Küstenlandschaften, Sümpfe und Inseln. Die Grotten, die der Regen aus dem porösen Karstgestein gewaschen hat, dienten Menschen aller Epochen als natürlicher Unterschlupf. Die ältesten Funde in der Grotta Paglicci bei Rignano Garganico werden dem Gravettien zugerechnet (rund 29.000 v. Chr.). Nicht minder berühmt ist die Grotte des Heiligen Michaels in Monte Sant' Angelo, einem bedeutenden Wallfahrtsorte des Mittelalters, seit 2011 UNESCO Weltkulturerbe.

"Die wichtigste Aufgabe des Nationalparks ist die Zusammenarbeit mit den Bürgermeistern der einzelnen Gemeinden," erklärt Maria Pia Vigilante, Anwältin in der Landeshauptstadt Bari und selbst in einer der kleinen Gargano-Gemeinden geboren.

"Mein Geburtsort Peschici mit seiner immerhin über tausendjährigen Geschichte hat sich vor Kurzem der Initiative Borghi authentici angeschlossen. Das zeigt, dass sich auch in unserer bäuerlich geprägten Mentalität langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass die Strände nicht unsere einzige Ressource sind, sondern dass auch Kultur und Authentizität ihren Wert haben und dass der Park eine wichtige Rolle spielt."

Ein Satellitenkontrollsystem für den Nationalpark?

Bis freilich alle Gemeinden überzeugt sind, dass nachhaltiger Tourismus und schonender Umgang mit den landschaftlichen Ressourcen den ersehnten Wohlstand bringen können, ist noch viel zu tun. Erst kürzlich hat der Nationalpark Geldmittel für den Abriss illegaler Bauten freigemacht. Eine spektakuläre Aktion mit großem Medienecho. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

"Wir brauchen ein modernes Satellitenkontrollsystem, um das Gebiet effizienter schützen zu können", fordert Stefano Pecorella, seit dem Jahr 2012 Präsident des Nationalparks. "Ein Nationalpark ist eine Einrichtung im Interesse der Allgemeinheit. Seine Gesetze zielen darauf ab, dieses Interesse mit jenen des Einzelnen in Einklang zu bringen. Meine Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass diese Gesetze auch eingehalten werden."

Doch eine politische Einigung, wie der Interessensausgleich im Park aussehen soll, wurde seit seiner Gründung nicht erzielt. "Ich verwalte den Park heute auf Basis eines gerade einmal neun Artikel umfassenden provisorischen Statuts", beklagt Pecorella. "Seit 1995 liegt ein umfassenderes Regelwerk vor. Es wurde allerdings nie beschlossen und ist inzwischen auch nicht mehr zeitgemäß."

Die Parcogiochi - Hoffnung für die Zukunft

Dennoch gibt es Anzeichen, dass sich die scheinbar widersprüchlichen Positionen annähern. "Der Gargano muss auf Qualität setzen, nicht auf Quantität, wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sein wollen", ist sich Domenico d'Amato, Touristik-Unternehmer in zweiter Generation, sicher. "Das bedeutet: Wir müssen bestehende Strukturen aufwerten, kommunizieren, was uns einzigartig macht, und ein modernes, umweltfreundliches Verkehrskonzept entwickeln." In seiner Ferienanlage bemüht er sich, die typischen Dünen wieder entstehen zu lassen, und um die Anpflanzung autochtoner Arten.

Tatsache ist, dass viele Garganici die Schönheit ihrer Gegend als ganz selbstverständlich hinnehmen und sich über deren Schutz nicht allzu viele Gedanken machen. Ein wichtiges Projekt des Nationalparks setzt daher bei den jüngsten Parkbewohnern, den Volksschülern an. "Parcogiochi" vermittelt auf spielerische Weise Fauna und Flora, kulturelles und gastronomisches Erbe.

"Es ist wichtig, dass wir uns unserer Traditionen besinnen", ist Pecorella überzeugt. "Wir können nur zu unserer Identität finden, wenn wir die Erinnerungen an unsere Vergangenheit, an das, was wir waren, mit dem verbinden, was wir heute sind - und mit der Zukunft, die wir uns wünschen." Seine Hoffnung: internationale Aufmerksamkeit und mehr Mittel zum Schutz des Parco Nazionale.

Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht. Die Erhaltung der europäischen Buchenwälder hat im letzten Jahrzehnt an internationaler Bedeutung gewonnen: Die Klimaerwärmung und die damit einhergehende Trockenheit gefährden die Buche kühles und feuchtes Umfeld bevorzugt. Dass die Buchenwälder des Gargano so nah am Meer gedeihen, macht sie zu einer biologischen Besonderheit. Zwei Kernzonen des Gargano - die Gebiete Umbra und Falascone - wurden kürzlich als Kandidaten für den Status als UNESCO Weltnaturerbe vorgeschlagen.

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