Wildnis. Chance für Europa?

Wer Wildnis sagt, muss an Kultur denken. Die Bedeutung des Begriffs Wildnis ist davon nicht zu lösen

ORTRUN VEICHTLBAUER, ERICH KLEIN | aus HEUREKA 2/15 vom 27.05.2015

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hätten die meisten Menschen über den Ausdruck "Schutz der Natur!" nur den Kopf geschüttelt. Die Entwicklung der Industriegesellschaft führte zu einer Verkehrung des traditionellen Verhältnisses, in dem sich der Mensch vor der Natur schützte.

Der österreichische Philosoph, Ökonom und Sozialreformer Otto Neurath (1882-1945) fand für die Umkehrung dieser Beziehung ein aussagekräftiges Bild: "Wenn früher ein Mensch und ein Sumpf zusammenkamen, verschwand der Mensch, jetzt der Sumpf."

Der Wald und die Wildnis

Besonders das Bildungsbürgertum erlebte diese radikale Veränderung im ausgehenden 19. Jahrhundert als kulturellen Verlust. "Sehnsüchte nach Natur", erläutert der deutsche Kulturwissenschafter Friedemann Scholl dieses Phänomen, sind als "Sehnsüchte nach Vergangenheit" zu verstehen.

Über Jahrhunderte hinweg war der Begriff "Wildnis" negativ besetzt. Er bedeutete Bedrohung und Unbeherrschbarkeit. Das Gegenbild war der Garten als gottgefälliger Kosmos. Wildnis bedeute Meer und Berg, vor allem aber Wald.

Deren Nähe zueinander rührt schon von den gleichen etymologischen Wurzeln her. Das altgermanische "walthus" für althochdeutsch "wald" und mittelhochdeutsch "walt" bezeichnete das nicht bebaute Land. Es entstammt der gleichen Wortfamilie wie "wild" und bedeutete bis ins Mittelalter im Nebensinn Wildland und auch Wüste.

Noch im 18. Jahrhundert ist die Vorstellung von Wildnis eng mit der des Waldes verbunden. Im Wörterbuch von Johann Christoph Adelung wird Wildnis umschrieben als "eine wilde, ungebaute und unbewohnte Gegend, besonders eine solche waldige Gegend."

Naturkonzepte der Neuzeit

Im Zusammenhang mit dem erreichten Ausmaß an Naturbeherrschung und der Ausbildung europäisch-neuzeitlicher Subjektivität erlangte die ehemals gefahrvolle Wildnis neue Wertschätzung. Sie wurde "Landschaft".

In der Begriffsgeschichte von Landschaft gibt es wiederholt Verweise auf den primär visuellen Kern dieses Konzepts. Weniger häufig wird dabei bedacht, was eine derartige Konstitution von Landschaft für das Naturverhältnis bedeutet.

Natur innerhalb bestimmter Grenzen als Landschaft wahrnehmen zu können, ist die ästhetische Entsprechung zu jenem Distanzverhältnis, auf dem auch die wissenschaftlichen und technologischen Naturkonzepte der europäischen Neuzeit (Macht und Arbeit) beruhen.

Trotz der Integration von Wildnis in die gezähmte Natur der Landschaft und der praktischen Installierung von Distanz über technische Apparate und räumliche Arrangements (wie etwa Gartengestaltung oder Aussichtswarten) blieb der Doppelcharakter der Natur als Vernunft (Ordnung) und andererseits Wildes, Ungebärdiges und Vernichtendes wirksam.

Als folgenreich erwies sich diesbezüglich Immanuel Kants Definition des Erhabenen als Gegenstand, "dessen Vorstellung das Gemüt bestimmt, sich die Unerreichbarkeit der Natur als Vorstellungen von Ideen zu denken".

Das Recht der Wildnis

Die ästhetischen Kategorie der "erhabenen Natur" bereitete auch das geistige Fundament für den erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts geforderten Schutz von Wildnis, etwa durch den deutschen Theologen, Begründer der Volkskunde und "Wander-Forscher" Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897):

"Jahrhundertelang war es eine Sache des Fortschrittes, das Recht des Feldes einseitig zu vertreten; jetzt ist es dagegen auch eine Sache des Fortschrittes, das Recht der Wildniß zu vertreten neben dem Recht des Ackerlandes. Und wenn sich der Volkswirth noch so sehr sträubt und empört wider diese Tatsache, so muß der volksforschende Social-Politiker trotzdem beharren und kämpfen auch für das Recht der Wildniß."

Wilhelm Heinrich Riehls Waldideologie strotzte vor Deutschtümelei.

US-Natur und Nazi-Nachahmung

"Wilderness" wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mit zunehmendem Abstand zur eigenen "Pionierzeit" zu einem wichtigen Gegenstand der US-amerikanischen Nationalparkbewegung.

In Europa geschah dies erst im Dritten Reich im sogenannten "Urlandschaftsschutz". Amerikanische Nationalparks galten den Nazis als Referenzpunkt in Sachen "Wildnis". Daran würden sich die Erfolge des eigenen, "modernen" Regimes messen müssen.

Der Unterschutzstellung "echter Urlandschaft" in den "kolonialen Räumen" des amerikanischen Westens sollte ein eigenständig nationalsozialistisches Modell als spezifisch deutsche Antwort entgegengestellt werden.

Walther Schoenichen (1876-1956) war eine prägende Figur der deutschen Naturschutzbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Wegbereiter rassistischer und antisemitischer Spielarten von Naturschutz. Für ihn stellte die "Urwaldwildnis" spezifisch deutscher Prägung einen "Organismus allergrößten Stils" dar. Sie sollte "im Sinne einer nur der natürlichen Regulationen gehorchenden Vegetationsform" unter Schutz gestellt werden. Nicht nur unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, sondern auch als unerlässliches "kulturelles Referenzgebiet".

Als kritisch-parodistische Antwort darauf lässt sich eine Bemerkung in Elias Canettis während des Zweiten Weltkriegs entstandenem Werk "Masse und Macht" lesen: "Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald."

Leitlinie für Naturschutz

In der Folgezeit spielte der Begriff der Wildnis für den europäischen Naturschutz zunächst keine besondere Rolle. Erst in den 1990er-Jahren tauchte er vermehrt in der Debatte über neue Konzepte für den Naturschutz und in der Landschaftsplanung wieder auf.

In heutigen Naturschutzkreisen Europas bezieht man sich darauf vor allem im Zusammenhang mit der Schutzgebietskategorie "Nationalpark". Wildnis entwickelte sich zur neuen Leitlinie für den Naturschutz.

In der Praxis erweist sich dieses Ziel jedoch oft als problematisch. Es herrschen unterschiedliche Auffassungen darüber, wie Wildnisschutz umzusetzen ist. Die damit einhergehenden Nutzungseinschränkungen und Auflagen bergen zum Teil großes Konfliktpotenzial (siehe Seite 20).

Die Art der Beschreibung, die die Naturschutzforschung in aller Regel anfertigt, nützt für dieses Vorhaben zudem recht wenig. Fast alle Beschreibungen sind rein naturwissenschaftlicher Art. Sie sagen nichts darüber, ob das jeweilige Gebiet die Wünsche erfüllt, die eine ganze Gesellschaft an Wildnis hat. Dass aufgrund der Vieldeutigkeit - wissenschaftliche und sachliche Argumente im Vordergrund, traditions-und sinnbezogene sowie ästhetische Ideale im Hintergrund -der Naturschutz selbst zunehmend an Glaubwürdigkeit verliert, ist eine naheliegende Gefahr.

"Angepasste, naturnahe Wildnis"

Die internationalen Begriffsbestimmungen für Wildnis sind heute sehr stark auf ursprüngliche (primäre) Wildnis zentriert. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) definiert Wildnisgebiete folgendermaßen:

"Schutzgebiete der Kategorie Ib (i.e. Wildnisgebiete) sind in der Regel ausgedehnte ursprüngliche oder (nur) leicht veränderte Gebiete, die ihren natürlichen Charakter bewahrt haben, in denen keine ständigen oder bedeutenden Siedlungen existieren; Schutz und Management dienen dazu, den natürlichen Zustand zu erhalten."

Die "Working definition" der "Wilderness Strategy" der Europäischen Union lautet ähnlich. Wildnis wird üblicherweise in der deutschsprachigen Naturschutzdebatte als sekundäre Wildnis betrachtet, da eine primäre in Mitteleuropa nicht mehr existiere. Eine freie Naturentwicklung erlaube aber die Ausbildung einer auf "heutige" Standort- und Umweltbedingungen "angepasste, naturnahe Wildnis", die einer ursprünglichen Wildnis unter günstigen Umständen nahekommen könne.

Europäische Neo-Wildnisgebiete

In den öffentlichen Begründungen für Wildnisschutz heißt es dennoch immer wieder, der "unberührten Natur" solle in den Schutzgebieten wieder die Chance gegeben werden, zu "verwildern".

"Natürliche Dynamik" und "Prozessschutz" sind dabei zu vorherrschenden Konzepten und Naturschutzzielen in den neuen Wildnisgebieten Mitteleuropas geworden. Ihre ökohistorische Sukzession und Nutzungsgeschichte sind aber mitunter sehr unterschiedlich:

Beim geplanten Wildnisgebiet in der Kernzone des Salzburger Nationalparks Hohe Tauern handelt es sich um durch Klimawandel vom Gletscher freigesetzte Flächen. Der südenglische New Forest ist eigentlich ein ehemaliges königliches Hirschjagdgebiet. In Brandenburg geht es um die einstigen Truppenübungsplätze Jüterbog, Heidehof, Lieberose und Tangersdorf, deren Ökosysteme nun als ursprünglich und wild deklariert werden.

Anthropogen ungestörte Sukzessionsabläufe sollen als Leistungsgeschehen sich selbst differenzierender Natur gelten, in dem in einem offenen, undeterminierten evolutionären Prozess die einzelnen Arten miteinander konkurrieren.

Auch im größten Nationalpark Mitteleuropas, dem Nationalpark Schleswig Holsteinisches Wattenmeer, gilt als Motto: "Natur Natur sein lassen". Durch Zulassen "natürlicher Prozesse" soll in allen Wildnisgebieten mehr "Natürlichkeit" erreicht werden

Wildnisvorstellungen in Österreich

Auch die österreichische Wildnisdebatte ist mit dieser Problematik konfrontiert: Wie eine endgültige Begriffsklärung zustande kommen soll, ist dabei noch unklar.

Jedenfalls fand im Jahr 2012 in Hainburg eine Konferenz unter dem Titel "Ruf der Wildnis!" statt. Michael Proschek-Hauptmann, Geschäftsführer des Umweltdachverbands, zeigte sich im Vorwort des Tagungsbandes der Komplexität bewusst:

"Das Thema Wildnis ist sehr eng mit dem Ort der heutigen Veranstaltung verbunden. Hainburg war immer schon Zeitzeuge ,wilder' Zeiten, das Jahr 1984 eine Zeit, in der sich der Begriff ,Wildnis' an konkretem Widerstand vor Ort manifestierte. Nichtsdestotrotz wirft der Begriff ,Wildnis' heute noch etliche Fragen auf: Was ist wild? Was ist Wildnis? () Durch die Dachmarke Nationalparks Austria möchten wir den Nationalparkgedanken wieder einer breiteren Öffentlichkeit näherbringen. Denn im Endeffekt verfolgen wir alle dasselbe Ziel: für unsere Kinder und Kindeskinder ein Stück jener Wildnis zu bewahren, für die wir uns selbst stark gemacht und begeistert haben, sei es nun eine ,echte' Wildnis, oder eben nur eine gefühlte."

Das Zauberwort "Prozessschutz"

Weitgehend konsensual im österreichischen Naturschutz ist die Verwendung des Begriffs "Prozessschutz" als neue Strategie.

Worum geht es dabei? Gewiss nicht um "natürliche Dynamik", so der deutsche Biologe und Landschaftsökologe Ludwig Trepl. "Prozessschutz" meine Wildnis als Inbegriff einer Gegenwelt zur Gesellschaft. "Natürliche Dynamik" stelle hingegen nur einen unbeholfenen Versuch dar, "wissenschaftlich" auszudrücken, was mit Wildnis intendiert sei.

Gegenwärtig wird im Naturschutz dessen frühere Praxis als nur "konservative" verpönt. Das Anliegen des konservativen Naturschutzes sei containerhaftes Bewahren bestimmter statischer Zustände gewesen, wie etwa besonders artenreicher Sukzessionsstadien oder von Klimax-Gesellschaften. Dahinter habe ein Naturbild überholter Theorien ("Gleichgewichtsökologie") und konservierend-musealisierende Schutzmentalität gesteckt.

Die Kennzeichnung "geschützt" galt lange als Synonym für "Veränderungen verboten". In vielen Fällen hatte das mit Ökologie wenig bis gar nichts zu tun, so der deutsche Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe Josef Reichholf, der "Prozessschutz" gar als "Zauberwort" bezeichnen will. In Wirklichkeit sei die Natur jedoch dynamisch. Aber warum sollen wir dann gerade ihre Dynamik schützen? Nur weil es diese Dynamik gibt?

Eine neue Wildnis-Kultur?

In einer zunehmend hybriden Welt, in der die dualistische Differenz von Natur und Kultur mehr und mehr verschwimmt, in der Stauseen und künstliche Forste als Natur erlebt und wahrgenommen werden, hat der Begriff Wildnis offenbar eine wichtige Funktion bekommen. Er macht eine neue Abgrenzung möglich.

Natur als "Furie des Verschwindens"(G. W. F. Hegel) wird durch Reservate einer teils konstruierten und teils rekonstruierten Wildnis ersetzt.

Doch Wildnis existiert nur als Gegenwelt zur Kultur. Sie ist ein symbolischer Ort der Projektionen, und doch ist die Wildnis nicht einfach ein Fantasiegebilde. Für "echte Wildnis" ist es wesentlich, dass physische Natur dort wirklich vorkommt. Wildnis kann als Terminus in der Vermittlung des "Eigensinns" von Natur zweckdienlich sein, weil er sofort allerlei Assoziationen des Unkontrollierten und Unkontrollierbaren freisetzt.

Freilich sind damit nicht die Werbeslogans von Reiseveranstaltern gemeint, die "In fünf Tagen die Wildnis Wattenmeer entdecken", oder aber "Abenteuerreisen" samt "Eintauchen in die Wildnis" oder "urban Safaris" in "Wiener Wildnis" versprechen.

Doch auch sie belegen die hohe Attraktivität des Wildnisbegriffs. Er thematisiert die Frage nach personaler Freiheit unter pluralistischen Bedingungen.

Schwierigkeiten für den zeitgenössischen Naturschutz entstehen, wenn ein und dieselbe Wildnis von Menschen genutzt wird, die unterschiedliche Auffassung von Kultur und Natur vertreten. Für die einen ist Wildnis ein jungfräulich-unbewohntes Niemandsland. Für die anderen stellt sie ein Kulturarrangement dar, in dem menschliche Spuren nicht unbedingt für jedermann sichtbar sind.

Wie sieht eine saubere Wildnis aus?

Schon unsere Wahrnehmung von Wildnis und Verwilderung ist durch Geschichte und Kultur geprägt. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man über Wildnis und Verwilderung spricht. Und dieses Bewusstsein ist unabdingbar, wenn gesellschaftliche Akzeptanz für diese neue Naturschutzstrategie eingeworben werden soll.

Als beispielsweise die Verwaltung des Nationalparks Bayerischer Wald in den 1980er-Jahren "Prozessschutz" einführte, stieß das bei den benachbarten Waldbesitzern und auch innerhalb des Naturschutzes auf große Widerstände. Borkenkäfer hatten sich im Nationalparkwald breitgemacht und den Fichtenbestand radikal dezimiert. Große Flächen von scheinbar "totem Wald" passten nicht in das Erwartungsbild eines geschützten Areals, das sich zu einer Art Wildnis entwickeln sollte.

Auch andere Parks sehen sich vor ähnliche Herausforderungen gestellt. Etwa Oostvaardersplassen in den Niederlanden, wo die Bevölkerung nicht gerne sieht, wenn wilde Tiere im Winter verenden. Mit umfangreichen Managementplänen versucht man den Problemen Herr zu werden.

In Österreichs Urwald

Das rund 3.500 Hektar große Wildnisgebiet Dürrenstein liegt in der früheren Herrschaft Gaming im südwestlichen Niederösterreich. Sein Kerngebiet, der Urwald Rothwald, ist der größte Urwaldrest Mitteleuropas und seit 2003 ein strenges Naturreservat nach IUCN Kategorie Ia.

2.400 Hektar sind dauerhaft aus jeder Nutzung genommen. Die Schutzgebietsverwaltung und das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der BOKU haben einen Managementplan für das Wildnisgebiet entwickelt. Ereignisse wie Stürme oder Lawinenabgänge und die daraus resultierende Borkenkäfervermehrung in den Fichtenwäldern werden im Sinne einer freien Wildnisentwicklung von der Verwaltung "begrüßt". Wie lautet ein Buchtitel der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek?"Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr."

Zu den Fotos

Um die Vision für ein wilderes Europa möglich zu machen, versuchen NGOs wie der WWF der Wildnis wieder mehr Platz zu geben und langfristig zu schützen. Dazu der WWF: Wir müssen die letzten noch verbliebenen wilden Gebiete schützen und zusätzliche Flächen der Natur zurückgeben, um neue Wildnis entstehen zu lassen. Die Entwicklungsländer fordern wir auf, die großen Wildnisgebiete dieser Welt zu schützen, die Biodiversität zu erhalten und den Pfad der nachhaltigen Entwicklung einzuschlagen. Jetzt gilt es, der Welt ein Vorbild zu sein und der Wildnis in Europa eine Chance zu geben.

Mehr Informationen zur Wildnisarbeit des WWF in Österreich und Europa: www.wwf.at/wildnis

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