Wilde Regulierungswut

Die Sehnsucht nach unberührter Natur geht Hand in Hand mit einer wachsenden Tendenz zur Kontrolle. Der Philosoph Robert Pfaller im Gespräch über das Schüren von Empfindlichkeiten

INTERVIEW: BARBARA FREITAG | aus HEUREKA 2/15 vom 27.05.2015

Falter Heureka: Das Rauchverbot an öffentlichen Orten, das sich in fast ganz Europa durchgesetzt hat, war ein Anlass für die Gründung Ihrer Initiative ,Adults for Adults'. Was ist das Ziel?

Robert Pfaller: Eine betuliche Politik, die erwachsene Menschen wie Kinder behandelt, richtet gegenwärtig in vielen Bereichen Schaden an: etwa in der Gesundheitspolitik, der Bildungspolitik, oder auch der Sicherheitspolitik. Vor allem aber im gesellschaftlichen Klima. Das ständige Schüren von Empfindlichkeiten macht den jeweils Anderen nur noch als Gefährdung und Belästigung erlebbar. Jegliche Solidarität wird dadurch zersetzt. Immer neue Gruppen - seien es Kranke, Dicke, Raucher, Alkoholtrinker, Parfümierte, oder auch nur Flirtende oder Herzliche - werden isoliert und stigmatisiert. Uns scheint es wichtig, diese verschiedenen Erscheinungsformen als zusammenhängend erkennbar zu machen. Nur so lässt sich Widerstand organisieren, um diesen Prozess der Erosion unserer Gesellschaft zu stoppen. Er verbrämt sich oft genug mit emanzipatorischen Argumenten, begünstigt aber de facto schon den Aufstieg der extremen Rechten.

Was sollte die EU-Politik regulieren und was nicht?

Pfaller: Sie muss die Gesellschaft vor der Schädigung durch ungeregelte Finanzmärkte schützen; vor Massenarbeitslosigkeit und Zerstörung der Umwelt. Und die Politik muss zunächst vor allem darauf achten, nicht völlig den Zugriff auf diese Probleme zu verlieren, etwa indem sie durch Abkommen wie TTIP (Anm.: Transatlantic Trade and Investment Partnership) jegliche demokratische Entscheidung und Kontrolle aushebelt. Angesichts dieser großen Herausforderungen ist es entscheidend, nicht auf unbedeutende Kleinigkeiten abzulenken und die Leute nicht mit lächerlichen Verboten, Regelungen und Warnungen zu schikanieren.

Die neue Regulierungswut hat auch auf universitärer Ebene Konsequenzen. Sie begann mit der sogenannten Bologna- Reform. Deren Ziel war im Grunde ja sinnvoll: die Vergleichbarkeit von Studien an europäischen Universitäten und somit eine Erleichterung für Studierende. Warum ist das schief gegangen?

Pfaller: Das Problem dieser Reform besteht darin, dass sie von Bürokraten gemacht wurde, die sich damit Einfluss verschafft haben. Die meisten von ihnen sind heute zum Beispiel als Evaluatoren oder ECTS-Punktezähler an den Universitäten angestellt. Dies ging auf Kosten von Lehrbeauftragten, die man zugleich massenhaft entlassen musste. Die beabsichtigte Angleichung der Studienabschlüsse hätte man politisch regeln müssen: Es hätte nur einer Entscheidung bedurft. Die Bildungsminister hätten lediglich die damals bereits gegebene Gleichwertigkeit der Abschlüsse anerkennen müssen. Stattdessen hat man die Verwalter arbeiten lassen, und die ,arbeiten' heute noch daran. Mit dem Ergebnis, dass Studien und Abschlüsse heute sogar noch weniger vergleichbar sind als damals.

Interessant ist auch, wie sich das Studienangebot verändert hat. Die klassische Fächeraufteilung scheint obsolet zu sein, dafür gibt es extrem spezialisierte Studienfächer. Warum?

Pfaller: Man hat die Universitäten weitgehend privatisiert. Sie sollen nun gewinnbringend arbeiten und Eigeninteressen verfolgen. Das führt zu einer totalen Aufsplitterung und zu einem massiven Verlust wissenschaftlicher Standards. Die Nachteile zeichnen sich jetzt schon ab.

Mit welcher Haltung beginnen junge Menschen heute ihr Studium?

Pfaller: Die meisten denken sich offenbar: 'Die bittere Pille möglichst schnell schlucken, nicht nach rechts und links schauen, alle vorgeschriebenen Punkte hamstern, so schnell wie möglich fertig werden.' Ich kann mich jedoch noch an eine Zeit erinnern, in der Studieren etwas Aufregendes und Schönes war.

Bemühen sich junge Studierende heute mehr um Studiensemester an anderen europäischen Unis? Funktioniert das heute tatsächlich besser?

Pfaller: Die Studierendenmobilität, zum Beispiel im Rahmen der ERASMUS-Programme, wurde durch die Bologna-Reform zunächst massiv beschädigt. Die Zahlen gehen inzwischen nur deshalb wieder einigermaßen hinauf, weil das Programm insgesamt seit den Anfängen kontinuierlich gewachsen ist. Aber man wollte mit der Reform ja auch nicht erreichen, dass die Menschen innerhalb eines Studiums Semester im Ausland verbringen, sondern vor allem, dass sie nach einem ersten Abschluss in einem Land einen zweiten in einem anderen anstreben können. Ob das gelungen ist und ob es sinnvoll war, kann ich nicht beurteilen.

Sie überlegen die Gründung einer "No Bullshit University". Auf welchen Bullshit soll da verzichtet werden?

Pfaller: Die entscheidenden Situationen eines kulturwissenschaftlichen Studiums werden an den meisten Universitäten derzeit zunehmend unmöglich: dass man Texte genau liest; Neugier entwickelt oder geduldig Spuren verfolgt. Stattdessen drangsaliert man Studierende mit Prüfungsfristen und Formalitäten -sie nehmen inzwischen den Großteil der Aufmerksamkeit der Studierenden in Anspruch. Man hetzt sie von einem Thema zum nächsten und zwingt sie, eine Seminararbeit nach der anderen zu schreiben. Die Ergebnisse kann in Wahrheit kein Mensch lesen. Dabei ist durchaus fraglich, ob Prüfungen an Universitäten überhaupt etwas verloren haben. In der Folge kann man auch den gesamten, enorm aufwendigen Apparat von Punkten, Kontrollen und Evaluierungen weglassen. So kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren.

www.adultsforedults.eu

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